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2. Göttinger Gespräche 2003

Thema: Konzentration und Aufmerksamkeit

am 20. März 2003 in Göttingen


Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme gelten bei Lehrern und Eltern häufig als Hauptgrund für schulisches Leistungsversagen. Anlass genug, auf Anregung des Göttinger Fachverlages für Psychologie „Hogrefe“, am 20.03.03 zum zweiten Mal die „Göttinger Gespräche“ zu schülerrelevanten Themen in der ehemaligen Pädagogischen Hochschule zu veranstalten.
 
Durch den Tag führte „Hausherr“ Professor Marcus Hasselhorn, Leiter der veranstaltenden Abteilung Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie in Göttingen.


Namhafte Wissenschaftler aus dem Bundesgebiet stellten aktuelle Forschungsergebnisse zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme bei Schülern“ vor. Ausgeprägte Aufmerksamkeitsprobleme würden in Gutachten häufig als Argument für eine Sonderschulzuweisung geltend gemacht, so Professor Gerhard Büttner, Psychologe aus Frankfurt. Etwa 1/3 der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf würden eine entsprechende Diagnose aufweisen. Im Vergleich dazu seien nur etwa 5% der Regelschüler betroffen. Lernbehinderte Schüler zeigten Defizite in allen relevanten Bereichen der Aufmerksamkeit (selektive Aufmerksamkeit, geteilte Aufmerksamkeit (z.B. Zuhören und Schreiben), Daueraufmerksamkeit (Vigilanz)). Auch die Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität (ADHD) spiele eine bedeutende Rolle bei diesen Kindern. Aufmerksamkeitsdefizit, hyperaktives Verhalten und Impulsivität gelten als entscheidende Merkmale des Störungsbildes ADHD.



Die vieldiskutierte hyperkinetische Störung wird heutzutage meist unter dem Kürzel ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) zitiert. Professor Aribert Rothenberger, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Göttingen, stellte aktuelle Ergebnisse zur ADHS-Forschung vor. ADHS sei keine „Modeerkrankung“. Es müsse dafür gesorgt werden, dass etwa 500 000 betroffene Patienten eine adäquate Diagnostik und Behandlung erfahren können.

 

Generell gelte, dass für eine Behandlung zunächst an eine Verhaltenstherapie und erst im zweiten Schritt an eine ergänzende medikamentöse Therapie zu denken sei. sAufbauend auf eine Erläuterung der Begriffe „Aufmerksamkeit“ und „Konzentration“ und deren Funktion stellte Professor Lothar Schmidt-Atzert, Marburg, Möglichkeiten und Grenzen testdiagnostischer Verfahren dar. Aufmerksamkeit sei ein wahrnehmungsnahes Phänomen und bezeichne das „Selektive Beachten relevanter Reize oder Informationen“. Probleme könnten sich im Schulalltag unter dem Stichwort „leichte Ablenkbarkeit“ äußern. Konzentration sei aufgabenbezogen und bezeichne „die Fähigkeit zum schnellen und genauen Arbeiten unter ,schwierigen Bedingungen’“. Langsames oder/und stark fehlerbehaftetes Arbeiten an einer Aufgabenstellung könnten Hinweise auf Probleme darstellen. Zu beachten seien u.a. jedoch mögliche Lernrückstände oder fehlende Fertigkeiten sowie ggf. vorliegende Motivationsprobleme der Schüler. Unter Berücksichtigung relevanter Begleitumstände seien Aufmerksamkeits- und Konzentrationstests eine sinnvolle Hilfe bei der Diagnose von Schulproblemen. In der abschließenden Podiumsdiskussion stellten sich die Experten den Fragen der etwa 200 teilnehmenden Ministerialräte und Referenten der Kultusministerien, Lehrer, Schulpsychologen und Schulleiter. Den Schwerpunkt der Diskussion bildeten Fragen zu Möglichkeiten der Erkennung von Konzentrationsproblemen im Schulalltag, der Prävention und der professionellen Unterstützung und Therapie. Psychologieprofessor Harald Marx, Leipzig, machte hier u.a. deutlich, dass bei der Beurteilung auch die Lernumwelt und das Lehrerverhalten berücksichtigt werden müsse (Stichwort: Attraktivität des Unterrichts), das - gerade bei jüngeren Kindern - die Voraussetzung für aufmerksame und konzentrierte Mitarbeit darstelle.

Professor Marcus Hasselhorn dankte abschließend den Anwesenden für die aufmerksame und konzentrierte Teilnahme und kündigte den Themenschwerpunkt „Mathematikunterricht und Rechenschwierigkeiten“ für die Göttinger Gespräche 2004 im nächsten Frühjahr an.


 

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