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5. Göttinger Gespräche 2006

Thema: Lesekompetenzen

 

am 30. März 2006

 

„Lesen ja, aber nicht verstehen" (TAZ)
„Nur elementare Lesefähigkeiten, die im Alltag nicht ausreichen“ (FR)
„Das ABC. Ade, du Land der Dichter und Denker!“ (SZ)
„Jeder Vierte kann nicht richtig lesen“ (Tagesspiegel)
„Sind deutsche Schüler doof?“ (Spiegel.de)
„Haben die deutschen Schüler das Lesen verlernt?“ (Stuttgarter Zeitung)


Durch die öffentliche PISA-Diskussion der letzten Jahre wurde insbesondere die Sorge über die mangelnde Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern in Deutschland verbreitet. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass dem Lesen in den Bildungsstandards für das Fach Deutsch eine prominente Rolle zukommt.

Ziel der Göttinger Gespräche 2006 war es, über den Stand zum Thema Lesekompetenzen und über neuere Möglichkeiten der individuellen Diagnose und Förderung von Lesekompetenzen zu informieren. Wie in den vergangenen Göttinger Gesprächen haben die Teilnehmer aus Praxis, Wissenschaft und Bildungsverwaltung gemeinsam mit den Gästen Fragen zu den gegenwärtigen Grenzen und zukünftigen Möglichkeiten diskutiert.


Wieder konnten namhafte Referenten für Vorträge gewonnen werden. Die Beiträge können sie hier downloaden.

Prof. Dr. Wolfgang Schneider; Prof. Dr. Wolfgang Lenhard und Prof. Dr. Harald Marx

Statements der Referenten - Download



Hintergrund

Mittlerweile sind die meisten Kultusministerien in Deutschland den Empfehlungen der KMK gefolgt, wonach für alle Jahrgangsstufen zumindest für ausgewählte Unterrichtsfächer Bildungsstandards formuliert werden sollten. Als wissenschaftliche Einrichtung der Länder der BRD hat im Dezember 2004 das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität in Berlin seine Arbeit aufgenommen. Es soll die Länder bei der Normierung, Illustration und Weiterentwicklung der nationalen Bildungsstandards unterstützen und damit dazu beitragen, die Qualität schulischer Bildungsprozesse zu sichern und zu steigern. Um die Lesekompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu verbessern, sind mittlerweile vielfältige Ideen entwickelt worden. Einige von ihnen wurden bereits erprobt oder gar umgesetzt. Aber sind wir dadurch schon gerüstet für die in Zukunft anstehenden erneuten PISA-Erhebungen? Experten äußern sich hierzu eher zurückhaltend. Gerade deshalb griffen die fünften Göttinger Gespräche das Thema „Lesekompetenzen“ auf. Neben der Frage, was „Lesekompetenz“ eigentlich bedeutet, wurden Aspekte der Unterrichtsgestaltung sowie aktuelle Diagnose- und Fördermöglichkeiten diskutiert.


Der Workshop „Leseverständnisdiagnostik mit ELFE 1-6“ von Dr. Wolfgang Lenhard stieß auf großes Interesse; über 150 Gäste nahmen an der Einführung in das neu publizierte Testverfahren teil.

Workshop-Infos (PDF-Datei, 223 KB)


Die abschließende Podiumsdiskussion führten, neben den Referenten Prof. Harald Marx und Prof. Wolfgang Schneider und dem Gastgeber Prof. Marcus Hasselhorn, Frau Gabriele Vogt vom Hessischen Kultusministerium und Herr Roland Henke vom Niedersächsischen Kultusministerium.


Roland Henke hob hervor, dass in Niedersachsen 2003 neue Bildungsstandards in Kraft gesetzt wurden, die nun durch neue Kerncurricula „Lesen im Umgang mit Texten und Medien“ implementiert werden sollen. Harald Marx führte dem Publikum anhand eines Beispiels die mangelnde Lesekompetenz vieler Schüler vor Augen: Untersuchungen zeigten, dass Texte, die in den Klassenstufen 5-8 interpretiert werden sollen, teilweise nicht einmal gelesen werden könnten. Marx verknüpfte dies mit einem Appell an die Ministerien, finanzielle Mittel für die Diagnostik bereitzustellen. Die Konzepte zur Unterrichtsgestaltung und Förderung sollten sich aus den dann vorliegenden Ergebnissen ableiten. Gabriele Vogt ergänzte die Einschätzung Marx’ anhand vorliegender Untersuchungsergebnisse aus Hessen: 27% der hessischen Schüler müssten in Bezug auf die Lesekompetenz als „Risikoschüler“ eingestuft werden. Dies spreche für ein Versagen des Systems. Ziel des Ministeriums sei es, die Quote innerhalb von drei Jahren auf 18% herunterzusetzen und den Anteil der guten Leser um 5 Prozentpunkte zu erhöhen. Wolfgang Schneider betonte, dass sich die Leseleistung (im Gegensatz zur Rechtschreibleistung) in den vergangenen Jahrzehnten nicht verschlechtert habe. Längsschnittstudien zeigten außerdem, dass die Lesekompetenz über den Zeitraum von 20 Jahren stabil blieben. Kinder, die in der Vor- und Grundschule schlechte (bzw. gute) Leistungen zeigten, würden auch als Erwachsene schlechte (bzw. gute) Leseleistungen aufweisen. Wichtig sei daher vor allem die Frühförderung. Ein entsprechender Kompetenzerwerb sei bereits im Kindergarten entscheidend für die Entwicklung der Lesekompetenz. Inzwischen lägen diagnostische Verfahren vor, um die entscheidenden Kompetenzen frühzeitig zu erfassen und darauf aufbauend zielgerichtet Fördermaßnahmen anzuknüpfen.

Lehrkräfte aus dem Publikum bemängelten, dass die Vielzahl der Forderungen oftmals aus Zeitmangel nicht umsetzbar seien. Fortbildungen würden z.T. gestrichen.

Laut PISA seien lediglich 11% der Lehrkräfte in der Lage, schwache Schüler zu erkennen. Ein Zusammenwirken von Forschung, Bildungsverwaltung und Praxis sei daher notwendig, um die Lage zu verbessern. Marcus Hasselhorn führte abschließend aus, dass die psychologische Fachgesellschaft derzeit einen Katalog zu den Grundlagen der Diagnostik für die Lehrerausbildung erstelle.