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9. Göttinger Gespräche 2010

Thema: Hochbegabung

Woran erkennt man, ob ein Kind hochbegabt ist? Wie kann man Hochbegabung testen? Und was macht man mit dem Ergebnis? Wie kann ein hochbegabtes Kind innerhalb und außerhalb der Schule gefördert werden? Brauchen hochbegabte Kinder denn überhaupt Förderung?

Der Austausch von Wissenschaft und Praxis über diese und andere Fragen der Hochbegabtendiagnostik und -förderung stand im Fokus der 9. Göttinger Gespräche.

Bereits bei der Begrüßung der Teilnehmer in der Aula der ehemaligen Erziehungswissenschaftlichen Fakultät hob Professor Marcus Hasselhorn hervor, dass über die Diagnostik von Hochbegabung noch viel Unklarheit herrscht und die angemessene Förderung Hochbegabter noch in den Kinderschuhen steckt, auch wenn es bereits viel versprechende Ansätze und ermutigende Ergebnisse gibt. So existiere immernoch die weit verbreitete Vorstellung, dass Hochbegabte keiner besonderen Beachtung bedürften, da ihnen auch ohne Zutun alles in den Schoß falle. Dabei gäbe es aber zum Beispiel eine große Zahl sogenannter „Underachiever“, die trotz Hochbegabung schlechte Schulleistungen erbrächten. Herr Professor Hasselhorn hob hervor, dass sich von den Göttinger Gesprächen unter der Überschrift „Science meets Practice“ nicht nur die Praktiker einen Wissenszuwachs erhoffen dürfen, sondern dass auch die Wissenschaft von der Praxis lernen kann. Dazu sollte wie auch bereits in den vorangegangen Jahren besonders die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Veranstaltung dienen.

Im ersten Beitrag hat Professor Wolfgang Schneider von der Universität Würzburg den rund 150 Teilnehmern einen Überblick über das Themenfeld Begabung, Hochbegabung und schulische/akademische Leistungen gegeben und dabei mit allerhand Mythen über Hochbegabung aufgeräumt. So sei Hochbegabung sicherlich kein Persilschein dafür, dass im Leben alles glatt laufe.


Nach diesem Einstieg in die Thematik hat Professor Christoph Perleth den Aspekt der Diagnostik von Hochbegabung vertieft. Er ist dabei auch eingegangen auf allgemeine Probleme der Diagnostik von Hochbegabung, die sich bereits bei der Testkonstruktion zeigen. Darüber hinaus hat Professor Perleth deutlich gemacht, dass neben der Testdiagnostik auch Lehrerurteile unverzichtbar sind, da sie Informationen aus umfangreichen Beobachtungen beisteuern können.

 

Nach einer kurzen Mittagspause konnten die Teilnehmer der Göttinger Gespräche in einem Workshop mit Frau Doktor Mitra Sen ein Instrument für die Hochbegabungsdiagnostik im Detail kennen lernen: die Münchner Hochbegabungstestbatterie (MHBT). Die interessierten Teilnehmer hatten zum Großteil selbst noch keine Erfahrungen mit der MHBT gesammelt und wurden daher zunächst mit dem Aufbau der Testbatterie vertraut gemacht. Die Referentin stellte Dimensionen und Verfahren der beiden Versionen für die Primar- sowie die Sekundarstufe vor und veranschaulichte die Durchführung einer Diagnostik mit der MHBT anhand von Fallbeispielen. Mit der spannenden Präsentation der Fälle von Bobby und Lorenz wurden sowohl mögliche Einsatzbereiche für die MHBT aufgezeigt, als auch Auswertung und Interpretation der Ergebnisse konkret und nachvollziehbar dargestellt.


Die schon mehrfach angesprochene Förderung von Hochbegabten wurde am Nachmittag in dem Referat von Frau Doktor Miriam Vock aufgegriffen. Sie stellte verschiedene Möglichkeiten der Förderung mit ihren Vor- und Nachteilen vor und ging dabei besonders auf die integrative bzw. segregative Beschulung sowie das Klassenüberspringen leistungsstarker Kinder ein.

 

 

Ein Überspringen von Klassen mit seinen Vor- und Nachteilen wurde auch in der folgenden Podiumsdiskussion noch einmal aufgegriffen. Neben den Referenten Hasselhorn, Perleth und Schneider stellten sich die Herren Ahl, Brugger und Diehl den Fragen des Publikums. Zunächst jedoch stellten sie sich und ihre Aufgabenbereiche vor.

 

 

Hans Peter Brugger engagiert sich neben seiner Tätigkeit als Schulleiter der Neubergschule in Neckarsulm besonders für die Kinderakademien Baden-Württemberg. Bei diesem von der Hector-Stiftung geförderten Projekt sollen flächendeckend in Baden-Württemberg außerschulische Angebote für die besten 10 Prozent der Kinder (neben Hochbegabten auch „gut Begabte“) eines Jahrgangs geschaffen werden.

Doktor Ingmar Ahl, der bei der Karg-Stiftung für den Bereich „Projekte“ verantwortlich ist, hat mit einem kurzen Film über einen hochbegabten Jungen, die Teilnehmer aus dem Mittagstief gerissen und noch einmal für die Thematik sensibilisiert, bevor er Konzept und Motiv der Stiftung erläuterte. Die Karg-Stiftung möchte zu einem begabungsgerechten Bildungssystem beitragen, das allen Kindern die Entfaltung ihres Potentials ermöglicht.

Der nächste Diskutant auf dem Podium, Herr Walter Diehl vom Hessischen Kultusministerium, ging in dieser Vorstellungsrunde darauf ein, wie die schulische Hochbegabtenförderung in Hessen bislang über ein Gütesiegel Hochbegabung verbessert werden konnte. Er verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass dieses Siegel irgendwann überflüssig sein wird, da sich der Unterricht dahingehend verändern sollte, dass die Bedürfnisse aller Schüler, auch die der Hochbegabten, im Regelunterricht Berücksichtigung finden.


Wieder konnten namhafte Referenten für Vorträge gewonnen werden. Bitte klicken Sie auf die PDF-Datei der Beiträge unter den folgenden Fotos

Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Prof. Dr. Christoph Perleth, Dr. Miriam Vock, Hans Peter Brugger

Wie bereits in den vergangen Jahren, waren die Teilnehmer der Göttinger Gespräche schon im Rahmen der Anmeldung aufgefordert, Fragen und Themenwünsche für die Podiumsdiskussion einzureichen. Auf diesem Weg hatten sich drei Hauptbereiche von Fragen herauskristallisiert, zu denen die Experten im Folgenden Stellung nehmen sollten: Aspekte der Förderung (Klassenüberspringen, Sonderklassen oder integrativer Unterricht), Sonderfall „Underachiever“ und der Zusammenhang von Verhaltensauffälligkeiten und Hochbegabung.

 

 

Besonders intensiv wurde die Frage integrativen bzw. segregativen Unterrichts diskutiert und es wurde deutlich, dass hier trotz unterschiedlicher Positionen der Diskutanten in einem Aspekt Einigkeit herrscht: Den Bedürfnissen der Schüler müsse Rechnung getragen werden. Das bedeute in einigen Fällen auch, so Professor Perleth, den Wunsch von z.B. hochbegabten Jugendlichen zu respektieren, nicht das volle intellektuelle Leistungspotential in Schulleistungen umzusetzen, wenn der Schüler selbst andere Prioritäten setzt. Er rief dazu auf, mit mehr Fantasie nach individuellen, kreativen Lösungen der Förderung zu suchen.

Als zentraler Aspekt der Debatte stellte sich im weiteren Verlauf die Lehreraus- und -weiterbildung heraus. Alle Experten sowie das Publikum waren sich einig, dass hier Handlungsbedarf besteht, auch oder gerade weil es Lehrkräfte so selten mit hochbegabten Kindern in ihren Klassen zu tun haben. Laut Professor Hasselhorn sind schwache Leistungs- und Entwicklungsverläufe für viele Lehrer das viel brennendere Thema in der Grundschule und das Thema Hochbegabung könne dann leichter Eingang in die Lehrerausbildung finden, wenn das zusammenführende Element der Förderung hoch und niedrig Begabter herausgearbeitet werde.

Herr Professor Schneider griff das Thema Sonderklassen für Hochbegabte auf und machte deutlich, dass diese Maßnahme vor allem in Hinblick auf Verhaltensauffälligkeiten wie zum Beispiel Hyperaktivität einen positiven Effekt habe, da die Schüler sich nicht mehr im Unterricht langweilen würden.

Eine Möglichkeit Hochbegabte auch im Regelunterricht besser zu fördern, sind laut Schulleiter Hans Peter Brugger differenzierte Hausaufgaben. Wenn zum Beispiel die höher begabten Schüler als Hausaufgabe Arbeitsblätter für ihre Klasse gestalten und damit schwächere Klassenkameraden unterstützen, entstehe ein Wir-Gefühl in der Klasse und die Lernsituation könne für alle befriedigend sein.

Spontaner Applaus brandete auf, als Professor Hasselhorn die schwierigen Bedingungen unter denen Grundschullehrerinnen arbeiten müssten hervorhob. Es sei eine große Kunst kein Kind auszugrenzen, wenn man nicht dafür ausgebildet sei und die entsprechenden Rahmenbedingungen fehlten.

 

 

Zum Abschluss gab Professor Hasselhorn einen Ausblick auf die 10. Göttinger Gespräche, die zugleich auch die 1. Frankfurter Gespräche sein werden. In einem größeren Rahmen als bislang soll voraussichtlich im März 2011 der traditionelle Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zum ersten Mal in Frankfurt stattfinden. Diskutiert und informiert wird dann über das Thema „Frühe Bildung – Schulkompetenzen – Schulreife“.

 

 

Termin und Tagungsadresse werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Dr. Ingmar Ahl (Karg Stiftung), Walter Diehl (Hessisches Kultusministerium), Prof. Dr. Christoph Perleth, Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, Hans Peter Brugger (Hector-Stiftung).

weitere Links

 

Link zur Karg-Stiftung: http://www.karg-stiftung.de/

Link zur Hector-Stiftung: http://www.hector-stiftung.de/

Hochbegabungsportal im Hessischen Bildungsserver: http://dms-schule.bildung.hessen.de/allgemeines/begabung/

 

 

Das Buch zum Thema: Diagnostik von Hochbegabung

 



 

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