Welttag der Kreativität und Innovation Die Psychologie der Kreativität

Warum kreativ sein glücklich macht: Die Psychologie des divergenten Denkens und Handelns

Wir haben mit Professor Dr. Dr. Günter Krampen über Kreativität gesprochen. Sein Buch “Psychologie der Kreativität” erscheint im Juni bei Hogrefe und kann bereits vorbestellt werden. Wer jetzt schon tiefer in das Thema einsteigen möchte, sich für Kreativtests und - trainings interessiert, oder weitere Literatur sucht, findet auf dieser Seite außerdem Empfehlungen aus dem Hogrefe Verlag.

Herr Krampen, man sagt, Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander. Ist da was dran?

Das ist einer der Mythen zur Kreativität. Er stammt aus dem 19. Jahrhundert und wirkt bis heute nach. Basis waren retrospektive Analysen zu Biografie und großen Werken einzelner Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in den Künsten, Wissenschaften oder Unternehmen erbracht haben. Nachgewiesen ist allenfalls, dass es unter den Menschen, die kreative (geniale) Höchstleistungen erbringen auch solche mit psychischen Störungen und Krankheiten gibt. Die Auftrittshäufigkeit der Krankheiten liegt bei Hochkreativen aber nicht höher als in der Allgemeinpopulation.

Ist also jeder Mensch kreativ? Oder gibt es auch gänzlich unkreative Personen?

Nach kognitiv-humanistischen Menschenbildannahmen, die sich seit knapp 20 Jahren auch in der sogenannten Positiven Psychologie niederschlagen, wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch danach strebt, seine Persönlichkeit frei und kreativ zu entwickeln. Kreativität wird als eines der Merkmale gefasst, das Menschen grundsätzlich auszeichnet. Je nach Lebensumständen kann dies aber beeinträchtigt sein, woraus so etwas wie „funktionelle“ Nicht-Kreativität entstehen kann.

Unser Alltagsverständnis von Kreativität ist relativ breit und oft schwammig. Wie lässt sich Kreativität genau definieren?

Bezogen auf kulturelle Höchstleistungen wird Kreativität nach dem Hauptkriterium der absoluten Neuheit (Originalität) definiert. Es handelt sich also um Erfindungen, Entdeckungen, Kunstwerke etc., die in dieser Form vorher nicht existiert haben und zudem aufgrund ihrer Nützlichkeit, ihres Anregungsgehalts oder Überraschungswerts positiv bewertet werden.

Bezogen auf kreatives Denken und Handeln im Alltag wird Kreativität als divergente Fähigkeit definiert, also als die Fähigkeit mit offenen Problemstellungen, für die es nicht nur eine (konvergente) optimale Lösung gibt, flexibel und ideenreich umzugehen, solche Problemstellung zu erkennen, sie anzunehmen und zu mehreren, gegebenenfalls zu zahlreichen Lösungsansätzen zu kommen. Divergentes Denken und Handeln wird in der Regel über psychometrisch abgesicherte Testverfahren anhand von Kriterien wie Ideenreichtum oder -flüssigkeit (Produktivität), Ideenflexibilität, relative Neuheit (Originalität), Elaboration der Ideen, Imagination etc. erfasst.

Warum sind Menschen überhaupt kreativ? Einfach weil es Spaß macht, oder beispielsweise einen evolutionären Vorteil bietet?

In kultur- und evolutionstheoretischen Ansätzen wird betont, dass die gesamte Evolution und Kulturgeschichte des Menschen als kreativer Prozess beschrieben werden kann. Ohne Erfindungen, Entdeckungen, künstlerische und gesellschaftlich-soziale Innovationen wäre der Mensch nicht das, was er heute ist, und ein zukunftsorientiertes Wesen. Spaß und Freude kommen zumindest in bestimmten Phasen kreativer Problemlösungen hinzu, etwa dann, wenn die problemlösende Idee aufblitzt (Aha-Erlebnis), sie ausgearbeitet wird und sich als tauglich erweist.

Welche Faktoren spielen eine Rolle bei der Entstehung besonders kreativer Persönlichkeiten?

Wichtig sind vor allem anregende, motivierende Erziehungs-, Unterrichts- bzw. Arbeitssituationen, die Raum für Autonomie und Selbstbestimmung geben. Wertschätzung und Förderung kreativen Denkens, auch sozial von der Mehrheit abweichenden Denkens und Handelns sind wichtig. Genauso können kreative Vorbilder (Eltern, Freunde, Lehrer, Vorgesetzte) von Bedeutung sein, wenn sie Identifikationsmöglichkeiten bieten und Freiraum lassen.

Bedienen wir uns immer nur einer dieser Formen des Denkens, um Probleme zu lösen?

Problemlösen im Lebensalltag und auch bei Höchstleistungen beruht sowohl auf konvergenten als auch auf divergenten Fähigkeiten, hinzu treten das (Vor-)Wissen, eine hinreichende, am besten intrinsische Motivation und weitere Faktoren, unter denen auch kontextuellen Merkmalen (etwa am Arbeits- oder Ausbildungsplatz) Bedeutung zukommt.

Kann man Kreativität trainieren?

Von Franz E. Weinert, einem der Doyen der Pädagogischen Psychologie im deutschsprachigen Bereich, stammt aus dem Jahr 1991 das Bonmot, „dass solche Trainingsprogramme in der Regel keinen Schaden anrichten, vielen Teilnehmern Vergnügen bereiten und deshalb auch dann genutzt werden können, wenn objektive Erfolge nicht nachweisbar sind.“ Er wie auch andere plädieren für einen Paradigmenwechsel: Versuche, Kreativität über Kreativitätstechniken oder -trainings zu fördern, sollten von umfassenderen Veränderungen in der Schul- und Unterrichtskultur bzw. des Organisations- und Unternehmensklimas zugunsten von Kreativitätsförderung auf allen Ebenen abgelöst werden.

Wie sieht es mit der Wirksamkeit dieser Programme aus?

Einzuwenden bleibt, dass es solche Ansätze zwar inzwischen gibt (und auch schon vor den 1990er Jahren gab), dass sie aber mit Blick auf ihre Effekte wegen ihrer Komplexität methodisch noch schwieriger zu evaluieren sind. Darüber hinaus liegen inzwischen vor allem aus dem angloamerikanischen Bereich zahlreiche Studien und auch einige Metaanalyse dazu vor, die belegen, dass Kreativitätstrainings durchaus zu positiven Effekten in Maßen des divergenten Denkens und Handelns führen. Die Effektstärken liegen dabei zumeist im mittleren Bereich und genügt damit den Werten, die Gruppentrainings zu anderen Fördermaßnahmen erzielen.

Mehr Bücher zum Thema Kreativität

Was sagt der Dorsch?

Kreativität
[engl. creativity; lat. creare erschaffen, hervorbringen]
"[...] In Übereinstimmung mit der Alltagspsychologie gilt in der empirischen Forschung die Neuheit (oder Originalität) als das wichtigste (Produkt-)Kriterium. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine absolut-historische, sondern um eine relative, auf das jew. Kognitionssystem zurückbezogene Neuheit [...]. Genauso unverzichtbar ist allerdings die Angemessenheit bzw. Brauchbarkeit der (neuen) Problemlösung".

Problemlösen
[engl. problem solving]

Kreativitätstests
[engl. creativity tests, creativity assessment]

Neuerscheinung im Juni

Kreativität testen

Kreativität ist die Grundlage von Innovation. In wie weit machen sich Unternehmen das kreative Potential ihrer Mitarbeiter strategisch zu nutze?

Kreativität ist seit Beginn ihrer systematischen Erforschung ein großes Thema in Unternehmen. So sind etwa die meisten der sogenannten Kreativitätstechniken in angewandten Unternehmens- und Marketingkontexten entwickelt worden. Kreativitätsfördernde Arbeits- und Strukturbedingungen gehören zu den Zielen eines innovativen Organisations- und Unternehmensklimas auf allen Ebenen, deren Vernetzung und Konsistenz betont wird.

Welche Rolle spielen Kreativitätstest bei der Personalauswahl?

In Abhängigkeit von Arbeitsplatzmerkmalen gehört die Kreativitätsdiagnostik zum integralen Standard moderner Personalauswahlverfahren. Neben Tests zum divergenten Denken und Handeln werden Selbstauskünfte zu Persönlichkeitsmerkmalen und Interessen, darauf bezogene Fremdbeurteilungen, simulationsorientierte Verfahren (z.B. Arbeitsproben, Probevorträge vor Ort) und Biografie-orientierte Verfahren (z.B. Schul-, Examens- und Arbeitszeugnisse, Publikationen, Patente und andere Arbeitsbeispiele) eingesetzt.

Wie sieht das im Bildungsbereich aus, beispielsweise an Schulen und Universitäten?

Mit Ausnahme der Hochbegabungsforschung und -förderung kommt der Kreativitätsdiagnostik aktuell in den deutschsprachigen Ländern im Bildungsbereich eher eine marginale Rolle zu. Anders ist dies in der internationalen, vor allem der angloamerikanischen grundlagen- und anwendungsorientierten Forschung der Pädagogischen Psychologie und der Entwicklungspsychologie. Dies kovariiert damit, dass die Pädagogische Psychologie vor allem in den angloamerikanischen Ländern weniger in einer interdisziplinären Bildungsforschung aufgegangen ist und ihr Profil kontinuierlichem in einem erheblichen Umfang erhalten hat.

Was bringen Kreativitätstechniken wie beispielsweise Brainstorming?

Kreativitätstechniken können punktuell und situationsbezogen dazu beitragen, den Assoziationsraum zu erweitern. Gerade in der Ideenfindungsphase können sie sowohl beim Einzelnen als auch in der Kleingruppe, in Arbeitsteams und Besprechungen Denkknoten lösen helfen. Eine allgemeinere kreativitätsfördernde Wirkung kann nur dann erwartet werden, wenn Kreativitätstechniken in umfassendere Kreativitätstrainings oder innovationsfreundliche Organisationsstrukturen eingebettet sind.

Macht Kreativität glücklich?

Ja, zumindest in bestimmten Phasen des kreativen Schaffens – etwa in der Phase des freien, selbstbestimmten Suchens nach Lösungsideen und des Ausprobierens, vor allem aber in der „Illuminationsphase“, in der nach mehr oder weniger langer Beschäftigung mit einem Problem, der Distanzierung von ihm und der Zuwendung zu anderen Dingen, der Rückbesinnung auf das Problem, der erneuten Distanzierung etc. die Lösung im Sinne eines Aha-Erlebnisses aufblitzt, gefasst und elaboriert, schließlich auf ihre Umsetzbarkeit positiv geprüft wird.

Die Befundlage weist zudem darauf, dass Kreativität positiv mit Indikatoren der Lebenszufriedenheit, der Selbstverwirklichung und seelischen Gesundheit korreliert ist.

Gesteigert wird das Glücksgefühl, wenn die Idee vom sozialen Umfeld begrüßt wird. Dies muss allerdings leider nicht immer der Fall sein, da wirklich neue Ideen den Konventionen widersprechen können, nicht konform mit dem Gewohnten gehen, ihr Überraschungswert zu hoch ist und verwirren kann.

Herr Professor Krampen, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Professor Dr. Dr. Günter Krampen

Prof. Dr. Dr. Günter Krampen ist Jahrgang 1950. Von 1971 bis 1976 studierte er Psychologie in Trier. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Trier und Erlangen-Nürnberg. 1980 folgte die Promotion, 1985 die Habilitation. Ab 1990 Professor für Psychologie an der Universität Trier mit Lehre und Forschung in Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie sowie Pädagogischer und Klinischer Psychologie. Aufbau des Weiterbildungsstudiengang Psychotherapie und ab 2004 Lehrstuhl für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Wissenschaftsforschung. Bis 2018 war er außerdem Direktor des Leibniz-Zentrums ZPID. Als Vertretungs- und Gastprofessor lehrte er an den Universitäten München, Berlin und Fribourg (Schweiz). Aktuell Honorarprofessor an der Université du Luxembourg.

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