Kreativität im Berufskontext

Kreativität spielt im Arbeitsalltag eine wichtige Rolle und Unternehmen sind zunehmend daran interessiert, arbeitsbezogenes kreatives Denken zu fördern und eine stärkenorientierte Passung zwischen dem kreativen Potential der Mitarbeitenden und ihrer Aufgaben im Berufsalltag zu etablieren. Von Kay Brauer

Was ist Kreativität?

Es gibt eine Vielzahl von Definitionen für das psychologische Merkmal Kreativität. Dies ist darin begründet, dass Uneinigkeit darüber herrscht, ob Kreativität als eine kognitive Leistung (ähnlich wie z.B. Intelligenz) oder als Persönlichkeitsmerkmal (ähnlich wie z.B. Extraversion) im Sinne einer Neigung zum Zeigen kreativen Verhaltens und Denkens verstanden werden soll. Eine gängige Minimaldefinition beschreibt Kreativität als die Fähigkeit, ein geistiges oder materielles Produkt zu erschaffen, welches gleichzeitig neuartig und nützlich sein soll (Runco & Jaeger, 2012). Im Volksmund werden häufig prominente Autor*innen, Musiker*innen, Regisseur*innen und Künstler*innen als kreativ beschrieben, weil sie kreative Produkte hervorbringen, die von vielen Menschen wahrgenommen werden. Jedoch lassen sich kreative Erzeugnisse auch in nicht-künstlerischen Berufszweigen und im Alltag finden, so kann beispielsweise auch die ideenreiche Neugestaltung eines Schichtplans zur Koordination von Arbeitskräften eine kreative Leistung sein.

Wie misst man die Kreativität eines Menschen?

Kreativität kann auf verschiedene Arten gemessen werden. Zwei Arten von Instrumenten werden im Allgemeinen unterschieden: Zum einen gibt es Leistungstests, in denen Testnehmer unter Zeitdruck kreative Leistungen im Sinne der Fähigkeitsdefinition erbringen müssen. Hier werden Testnehmer*innen gebeten, eine möglichst hohe Anzahl origineller Antworten in einer begrenzten Zeit zu kreieren (z.B. Tests zum Einfallsreichtum; Jäger, Süß & Beauducel, 1997). Die Ergebnisse werden dann hinsichtlich der Menge und Qualität der Antworten analysiert.

Weiter gibt es Messinstrumente, die Kreativität als Persönlichkeitsmerkmal begreifen. Die Tests zielen darauf ab typisches Verhalten zu messen, welches mittels Selbstauskünften in Fragebögen ermittelt wird. Dabei bewerten sich die Testnehmer*innen in Bezug auf verschiedene Aussagen, zum Beispiel dahingehend wie häufig sie Dinge tun, die als kreativ erachtet werden (z.B. „sich einen Witz ausgedacht“ Diedrich et al., 2018).

Welche Rolle spielt Kreativität im Berufskontext?

Umfangreiche Forschung in den letzten Jahrzehnten zeigt deutlich, dass Kreativität einen robusten positiven Zusammenhang mit Indikatoren des Berufserfolgs aufzeigt, unter anderem der erhöhten Anzahl von Patentanmeldungen, höherem Einkommen oder auch dem Umsatz des Betriebes wenn kreative Unternehmen den Betrieb leiten. Es ist daher verständlich, dass Unternehmen mit innovativer Ausrichtung daran interessiert sind, Mitarbeitende mit kreativen Fähigkeiten zu beschäftigen. Mehr noch kann es in manchen Situationen erfolgsversprechend sein, Teams zusammenzustellen, die Mitarbeitenden mit verschiedenen kreativen Fähigkeiten einschließen. So ist denkbar, dass ein*e Mitarbeiter*in gut darin ist, sich gänzlich neue und ungewöhnliche Lösungsansätze auszudenken, während andere Mitarbeitende dahingegen talentiert sind, aus einer Reihe von Optionen diejenige auszuwählen, welche am besten geeignet ist, um ein gegebenes Problem zu lösen.

Berufsorientierte Kreativitätsdiagnostik

Frühe Ansätze der Kreativitätsdiagnostik in Unternehmen griffen auf zwei Möglichkeiten zurück:

  1. Die Nutzung hauseigener Tests, welche jedoch selten hinsichtlich ihrer diagnostischen Güte (Objektivität, Reliabilität und Validität) geprüft wurden und somit unklar ist, ob diese Tests tatsächlich kreative Leistungen erfassen.

  2. Der Einsatz klassischer Breitband Kreativitätstests, die allgemeine Kreativitätskomponenten erfassen und somit auch Komponenten, welche evtl. für den Berufsalltag nicht von Interesse sein könnten wie z.B. die künstlerisch ausgerichtete Kreativität. Da die Durchführung klassischer Kreativitätsleistungstests personell und zeitlich aufwendig ist und teils überschüssige Informationen ausgeschöpft werden sind zielgerichtete berufsorientierte Kreativitätstests wünschenswert.

Im deutschsprachigen Raum wurden zwei Verfahren vorgelegt, welche die gezielte und ressourcenschonende Diagnostik von berufsbezogener Kreativität ermöglichen. Zum einen erlaubt die „Diagnose berufsbezogener Kreativität: Planung und Gestaltung“ (DBK-PG; Schuler, Gelléri, Winzen & Görlich, 2013) die Erfassung von kreativen Leistungen im Sinne einer Fähigkeit und unter der Annahme, dass kreative Lösungen im Rahmen eines mehrstufigen Prozesses entstehen. Die Aufgaben sind lebensnah gestaltet und erlauben eine vergleichsweise schnelle Durchführung und Auswertung. Weiterhin liegt mit dem kürzlich erschienen „Creative Response Evaluation-Work (CRE-W): Instrument zur Erfassung kreativer Denkstile im beruflichen Kontext“ (Proyer & Brauer, 2020) ein weiteres Messinstrument vor, welches im Folgenden kurz beschrieben werden soll.

Erfassung kreativer Denkstile mit dem CRE-W

Im Gegensatz zu den klassischen Verfahren der Selbstberichte und Leistungstests, gehört der CRE-W zur Klasse der sogenannten Situational Judgment Tests (SJTs). In einem SJT werden Testnehmer*innen mit einem ausführlich beschriebenen Szenario konfrontiert, welches konfliktbehaftete und Dilemma-artige Situationen darstellt, die im Berufsleben auftreten können. Die Aufgabe der Testnehmer*innen ist es, sich in das Szenario hineinzuversetzen und eine Reihe von potentiellen Reaktionsmöglichkeiten, hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit diese selbst in solch einer Situation einzusetzen, zu bewerten. Die 19 Szenarien und die Antworten wurden von internationalen Kreativitätsexpert*innen entwickelt.

Der CRE-W erlaubt die Erfassung kreativer Denkstile im Sinne des neuartigen und andersartigen Denkens: Während neuartige Denker*innen dazu tendieren, neue Lösungen zu produzieren, sind andersartige Denker*innen besonders gut darin, die beste Lösung unter einer Reihe alternativer Optionen auszuwählen und bestimmte Rahmenbedingungen einzuhalten. Außerdem wird ein globaler Wert berechnet, welcher die Kreative Initiative (KI) von Testnehmer*innen ermittelt. Der KI-Wert informiert über die generelle Tendenz, eine kreative Lösung eines arbeitsbezogenen Konflikts oder Problems zu wählen. Die Berücksichtigung beider Stile erlaubt es bspw., kreativ arbeitende Teams so zusammenzustellen, dass neu- und auch andersartige Denker vertreten sind.

Das Instrument ist vollstandardisiert (Implementation im HTS-5), ökonomisch durchführbar (ca. 30 Minuten Bearbeitungszeit) und es liegen umfangreiche Befunde zur Reliabilität und Validität vor. Die Normen liegen für Studierende und Arbeitnehmende vor, welche es erlauben Berufsneueinsteiger*innen und Berufserfahrene als Vergleichsgruppen in der Begutachtung heranzuziehen.

Literatur

Diedrich, J., Jauk, E., Silvia, P.J., Gredlein, J.M., Neubauer, A.C. & Benedek, M. (2018). Assessment of real-life creativity: The Inventory of Creative Activities and Achievements (ICAA). Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 12, 304-316. doi:10.1037/aca0000137

Jäger, A.O., Süß, H.-M. & Beauducel, A. (1997). Berliner Intelligenzstrukturtest. Göttingen: Hogrefe.

Proyer, R.T., & Brauer, K. (2020). Creative Response Evaluation-Work (CRE-W): Instrument zur Erfassung kreativer Denkstile im beruflichen Kontext. Göttingen: Hogrefe.

Runco, M.A. & Jaeger, G.J. (2012). The standard definition of creativity. Creativity Research Journal, 24, 92-96. doi:10.1080/10400419.2012.650092

Schuler, H., Gelléri, P, Winzen, J. & Görlich, Y. (2013). Diagnose Berufsbezogener Kreativität: Planung und Gestaltung. Göttingen, Hogrefe.


M. Sc. Kay Brauer

M. Sc. Kay Brauer studierte Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und promoviert seit August 2016 an der Abteilung Psychologische Diagnostik und Differentielle Psychologie bei Prof. Dr. René Proyer. In seiner Promotion beschäftigt sich Herr Brauer mit intra- und interindividuellen Unterschieden im Umgang mit Lachen und Ausgelacht werden (Gelotophobie, Gelotophilie und Katagelastizismus) und darüber hinaus forscht er zu Verspieltheit im Erwachsenenalter sowie psychologisch-diagnostischen Fragestellungen (u.a. Adaptation und Validierung von Messinstrumenten, Methodeneffekte von Item- und Antwortformaten). Seine Forschungsarbeiten wurden in führenden Journals der Persönlichkeitspsychologie (u.a. Journal of Research in Personality, Personality and Individual Differences, Journal of Individual Differences) und Psychologischen Diagnostik (u.a., Journal of Personality Assessment, European Journal of Psychological Assessment) publiziert. Gemeinsam mit René Proyer adaptierte und validierte Herr Brauer den CRE-W in seiner deutschsprachigen Fassung und verfügt über fundierte Kenntnisse zur Entwicklung und Anwendung des CRE-W.



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