Konflikte erlebbar machen

von Doris Ruckstuhl, Rita Ammann, Marc van Wijnkoop Lüthi und Martin Zentner

"Die Freiheit in unserer Zusammenarbeit liegt nicht darin, ob wir Konflikte wollen oder nicht, sondern darin, wie wir sie bewältigen." Diesem Statement mit unbekannter Quelle begegnen wir schnell, wenn wir z.B. online dem Begriff Konflikt nachgehen. In der obigen Aussage liegt die Grundannahme, dass Konflikte unvermeidlich sind; und es lohnt sich, darüber etwas ins Nachdenken zu kommen, zumal der Begriff der Prävention in unserer Zeit stark an Bedeutung gewonnen hat.

Es macht sehr oft Sinn, gewissen Risiken vorzubeugen und Massnahmen zu treffen, damit diese Risiken nicht eintreffen. Wir nutzen alle die Mittel der Prävention, wenn es darum geht, sich nicht mit Krankheiten anzustecken, nicht der Sucht zu verfallen – in unseren Breitengraden wird es auch als sinnvoll betrachtet, eine "Altersvorsorge" zu betreiben, finanzielle und andere Mittel zurückzustellen, damit die Lebensphase im Alter noch einen bestimmten Grad an Qualität hat. Vorsorgen und Vorbeugen sind demnach erfolgversprechende Strategien in der Lebensgestaltung.

Und so kann es passieren, dass wir meinen, wenn wir es denn recht anpacken in der Kommunikation, richtig vorsorgen und möglichen Gefahren vorbeugen, dann könnten wir auch Konflikte vermeiden – weil, ach, sie sind so leidig und mühselig zu ertragen, und so schwer zu bewältigen…da lohnt sich doch die Aussicht auf ein konfliktfreies Zusammensein. Doch der Alltag lehrt uns eines Besseren; Konflikte begegnen uns allerorts, in der Familie, bei der Arbeit, in der Nachbarschaft, gar in langjährigen Freundschaften; wir werden involviert, sind mitten drin, werden zu Akteuren, "spielen mit" ohne die Regeln wirklich zu kennen geschweige denn zu beherrschen. Und stehen dann oft am Ende einer solchen Geschichte vor einem Scherbenhaufen, konfrontiert mit einem ganzen Bündel von unattraktiven Gefühlen der Enttäuschungen, des Versagens, des Nichtverstehens und Nichtverstandenseins. Solcherlei Gefühle sind alleweil keine gute Voraussetzung um einer nächsten Konfliktsituation mutig und zuversichtlich zu begegnen und so beginnt sich eine "Negativspirale" abwärts zu drehen und aufs Neue lagern wir in unserem Keller eine ganze Reihe von unangenehmen, unerwünschten und beunruhigenden Gefühlen.

Teilen wir hingegen obige Grundannahme und betrachten Konflikte als einen integralen Bestandteil unseres Lebens, dann können wir unsere Energie darauf richten, einen für uns sinnvollen und erfolgversprechenden Umgang mit ihnen zu finden, resp. zu lernen. Wenn wir z.B. in die Tropen reisen, vertrauen wir auf sach-logische Aspekte; wir glauben an die vielfältigen Erfahrungen und Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft, und lassen uns präventiv impfen gegen mögliche Risiken, die unsere Gesundheit gefährden könnten.
Kommen Gefühle ins Spiel, also psycho-logische Aspekte, vertrauen wir weniger auf Erfahrungen der Allgemeinheit, wir wollen, resp. müssen selber erfahren, wie es ist; was auch immer dieses "es" genau ist. Gefühle sind eine absolut individuelle Angelegenheit. Ist für den einen eine Situation prekär ist sie für den anderen schlicht spannend, wird eine Situation von jemanden als sehr gefährlich eingestuft, wird sie von jemand anderem einfach als herausfordernd angesehen.


An diesem Punkt der Gedankenkette hat sich das Autorenteam des "Conflict Poker" gefunden und zusammengetan, um ein Spiel zu kreieren. 49 konkrete Fälle aus der Arbeitswelt bilden den Grundstock des Spiels. In unterschiedlichen Rollen wird die Ausgangslage bearbeitet, verschiedene "Hilfskarten" unterstützen dabei die Spielpersonen und den Spielverlauf. Es ist ein Spiel, das die Möglichkeit bietet, Konfliktverhalten zu üben, zu trainieren, um auf diese Weise Erfahrungslernen zu ermöglichen. Als "Spielwiese" eignet sich der betriebliche Kontext ideal; wir alle bringen Erfahrungen aus der Arbeitswelt mit, dennoch ist eine gewisse Distanz gewährleistet. Der private, familiäre Kontext zeigt sich komplexer und der Spielcharakter wäre gefährdet.
Weil es nur ein Spiel ist, bleibt die Bedrohlichkeit im Hintergrund, dennoch sind Gefühle spür- und erlebbar. Und im Spiel erleben wir, wie wir selber auf Gefühlslagen von anderen reagieren, entwickeln ein Sensorium für den eigenen Gefühlshaushalt und können angstfrei ausprobieren, was passiert, wenn wir eine gewisse Strategie einschlagen, eine bestimmte Lösung anstreben.

Die Spielanlage baut auf dem Prinzip der intrinsischen Motivation auf, geht also von der reinen Freude am Spiel aus; es gibt keine richtige Lösung, keine Guten und Schlechten, keine Sieger und Verlierer. Vielmehr wird sichtbar, wie viele unterschiedliche Aspekte eine Konfliktsituation beeinflussen können, Möglichkeiten von Handlungs- und Gestaltungsräumen eröffnen sich, ebenso werden auch Grenzen erkennbar. Nebst den Kenntnissen (deklaratives Wissen) und den bewussten wie unbewussten Erfahrungen (prozedurales Wissen) zum Thema Konflikte ist die Reflexion zwingend für einen gewinnbringenden Lernprozess. Deshalb nimmt im Spiel nebst dem Training die Reflexion ebenfalls einen prominenten Teil in Anspruch. Moderiert von einer Spielleitung reflektieren wir entlang von Leitfragen unsere gemachten Erfahrungen und Erlebnisse im Spiel, verknüpfen diese mit unserer Alltagswelt und kommen so zu einem erweiterten Verständnis im Themenkomplex von Konflikten.
Als theoretische Grundlage für das Erkennen und Bearbeiten von Konflikten hat sich das Autorenteam bei der Entwicklung des Conflict Poker für die Nutzung der fundierten und breit abgestützten Konfliktmanagementtheorie von Prof. Dr. Friedrich Glasl entschieden. Im Conflict Poker werden diejenigen drei Typen genutzt, welche aus Sicht des Autorenteams in der beruflichen Praxis am häufigsten vorkommen.

  • Der soziale Konflikt, der sich im zwischenmenschlichen Bereich zeigt und sich auszeichnet durch unterschiedliche Wahrnehmung, unterschiedliches Denken, Fühlen und Wollen, Unverträglichkeiten, Antipathien, unterschiedliche Beziehungsmuster oder Kommunikationsstile.

  • Der strukturelle Konflikt ist im organisatorisch-strukturellen Bereich beheimatet und erwächst u.a. aus unterschiedlichen Zielvorstellungen, unklaren Schnittstellen, intransparenten Abläufen, mangelhaft definierten Aufgaben, Kompetenzengewirr und ähnlichem mehr.

  • Der kulturelle Konflikt ist zunehmenden von Bedeutung, er ist hauptsächlich an unterschiedlichen bis widersprüchlichen Werten, Normen und Einstellungen innerhalb von Arbeitsgemeinschaften ablesbar


Aus der praktischen Arbeitstätigkeit des Autorenteams ist bekannt, dass in Organisationen heisse Konflikte öfter gescheut werden, kalte hingegen häufiger vorkommen. Kalte Konflikte aber sind weder lösbar noch spielbar. Sie müssen also heiss gemacht werden, damit sie spielbar sind. In der Praxis ist es wichtig, dass man sich traut, Konflikte heiss zu machen. Es ist eine Aufgabe von Conflict Poker, den Mut zu heissen Konflikten und dem konstruktiven Umgang mit ihnen zu fördern, bzw. wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Konflikten in einem spielerischen Setting zu sammeln.


Somit leistet dieses Spiel einen Beitrag, damit wir eine gewisse Konfliktscheu verlieren, unser Bewusstsein über die Alltäglichkeit von Konflikten stärken und mit dem Spiel unser Repertoire in der Konfliktbewältigung erweitern. Gelingt es uns mehr und mehr, Konflikte erfolgreich zu meistern, diese Erfolgserlebnisse wie Perlen aufzureihen, leisten wir damit Wesentliches im Zusammenleben, sei es als Vorgesetzte und Mitarbeitende, als Begleitende und Pflegende, als Erziehende oder als Partner und Freunde.

Unsere Empfehlungen