Nach dem Abitur: Wie man das richtige Studium findet

Ein Studium auszuwählen, fällt oft gar nicht so leicht. Neben den eigenen Interessen und Fähigkeiten spielen auch Zulassungsbeschränkungen, die Wahl der Universität und nicht zuletzt die Finanzierung sowie die Berufsaussichten eine Rolle. Patrick Ruthven-Murray berät Studieninteressierte seit über 15 Jahren. Wir haben ihn gefragt, worauf es bei der Studienwahl ankommt und welche Tipps er für diejenigen hat, die noch auf der Suche sind.

 

Herr Ruthven-Murray, zu Ihnen kommen jedes Jahr über 100 Studieninteressierte in die Beratung. Welches Vorgehen empfehlen Sie Ihren Klienten, wenn diese noch gar keine Idee haben, was sie studieren sollen?

Es gibt drei Schritte in der Studienwahl, über die sich Studieninteressierte klar werden müssen:

  1. Zum einen müssen sie für sich ein möglichst klares Selbstbild entwickeln: Was interessiert mich wirklich? Was kann ich gut? In welchem Umfeld fühle ich mich wohl? Wie wichtig ist Erfolg und Geld in meinem Leben?

  2. Im zweiten Schritt müssen sich Studieninteressierte einen Überblick verschaffen, welche Möglichkeiten es in der Hochschullandschaft und auf dem späteren Arbeitsmarkt gibt.

  3. Den dritten Schritt nennen wir in der Beratung „Matching“. Hier geht es darum, das Selbstbild mit der Hochschullandschaft zu verknüpfen und möglichst passende Studiengänge zu identifizieren. Beim Matching ist auch eine Gewichtung einzelner Kriterien immer sehr wichtig. Also zum Beispiel: Hat eine künstlerisch-sprachliche Interessensorientierung eine höhere Priorität als „ich möchte später in einer gehobenen Position sein und viel Geld verdienen“?

 

Manche wissen schon genau, was ihnen Spaß macht. Sie haben aber vielleicht Bedenken, sich für ein „Orchideenfach“ mit schlechten Berufsaussichten zu entscheiden. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Grundsätzlich würde ich immer dazu raten, die Berufsaussichten nicht zu stark in den Vordergrund zu stellen. Zum einen kann es immer sein, dass ein Fach in 10 Jahren wieder ganz andere Aussichten hat. Die Architektur hatte zum Beispiel vor 10 Jahren sehr schlechte Aussichten und viele haben deshalb von einem solchen Studium abgeraten. Heute werden überall Architekten gesucht.

Zum anderen macht es aus meiner Sicht keinen Sinn, ein Fach zu wählen, das einem keinen Spaß macht und in dem man vielleicht auch keine richtig ausgeprägten Begabungen hat. Ein Studium ist nach wie vor schwer, und Studenten müssen sehr starke Leistungen bringen, um erfolgreich abzuschließen. Wer sich für ein Fach nicht interessiert und nicht die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt, wird daran scheitern. Da helfen auch die guten Berufsaussichten nicht.

 

Bei einem Fach wie Medizin sind die Berufsaussichten gut, aber es gibt zahlreiche Bewerber. Wie kann man seine Chancen auf einen der begehrten Studienplätze verbessern?

Die Medizin ist das längste Studium in Deutschland und gilt als eines der arbeitsintensivsten. Der Weg dorthin ist genauso. Erstens ist es oft notwendig, dass Studieninteressierte erfolgreich an Tests wie dem TMS oder dem HAM-Nat teilnehmen. Zusätzlich benötigen angehende Medizinstudenten berufspraktische Erfahrungen in der Medizin (z.B. Krankenpflegepraktikum), um Auswahlgespräche oder Multiple-Mini-Interviews erfolgreich bestreiten zu können.

 

Was muss man bei der Finanzierung seines Studiums beachten?

Bei den Studienabbrechern gibt es immer noch einen sehr hohen Anteil an Studenten, die ihr Studium wegen der Finanzierung abbrechen mussten bzw. es neben den ganzen Jobs einfach nicht mehr geschafft haben. Deshalb sollte dieses Thema vor dem Studium sehr ernsthaft durchdacht und ein Plan gemacht werden. Welchen Beitrag können die Eltern leisten, wie viel Kindergeld bekomme ich, und habe ich Anspruch auf Bafög?

Die heutigen Bachelorstudiengänge sind eine Vollzeitbeschäftigung und haben sogar oftmals Anwesenheitspflicht. Man sollte also nicht davon ausgehen, dass es problemlos möglich ist, zwei Mal die Woche arbeiten zu gehen. Wer also merkt, dass das Geld nicht reichen wird, sollte sich frühzeitig mit Stipendien und z.B. dem Studienkredit der KfW auseinandersetzen.

Mein Rat ist hier, lieber ein paar Schulden und dafür einen erfolgreichen und möglichst schnellen Abschluss, als das Studium wegen Nebenjobs unendlich in die Länge zu ziehen oder es im schlimmsten Fall sogar abzubrechen. Auf dem Arbeitsmarkt kommt beides nicht gut an.

 

Nicht nur das Fach, auch die Uni muss man aussuchen. Wie wichtig sind Hochschulrankings? Was ist wirklich relevant für das eigene Studium?

Bei Rankings ist es immer wichtig, darauf zu achten, was denn überhaupt das Bewertungskriterium ist. Für einen Studienanfänger ist es meiner Meinung nach nicht wirklich relevant, ob eine Uni besonders forschungsstark ist und ungewöhnlich viele Promotionen hat. Ich rate gerade zum Studienstart eher dazu, auf Folgendes zu achten: Wie groß sind der Studiengang und die Hochschule? Passt das zu mir? Ist die Ausrichtung des Studiengangs und der Hochschule eher sehr theoretisch-wissenschaftlich oder praxis- und berufsorientiert?

Natürlich gibt es aber auch Fächer, bei denen der Ruf bzw. besser gesagt die Vernetzung der Uni mit der Wirtschaft eine wichtige Rolle spielt. Bei Managementstudiengängen kann ein solches Netzwerk den Berufseinstieg schnell, einfach und erfolgreich machen. Solche Studiengänge und Institutionen haben dann meist aber auch sehr hohe Ansprüche an die Studenten.

 

Man kann sehr vieles in seine Entscheidung einbeziehen. Aber was ist die wichtigste Frage, die man sich bei der Studienwahl stellen sollte?

Nach meiner Erfahrung ist die Motivation der wichtigste Schlüssel zum erfolgreichen Studien- und Berufseinstieg. Deshalb sollte man sich sehr genau mit Fragen wie „Was treibt mich an? Wofür sitze ich gerne noch um 23 Uhr abends am Schreibtisch und schiebe Überstunden?“ beschäftigen.

 

Bekommen Sie manchmal Rückmeldungen von Ihren Klienten, wie zufrieden sie im Nachhinein mit ihrer Studienwahl sind?

Natürlich. Ich bekomme hin und wieder sogar Dankespakete oder eine Flasche Wein, wenn ich jemanden erfolgreich betreut habe. Die meisten betreue ich ja auch über einen längeren Zeitraum, denn die Studienwahl ist ein Prozess. Da baut sich ein Vertrauensverhältnis auf, und das ist bei einer so wichtigen und einschneidenden Entscheidung im Leben auch notwendig.

Bei den Studiengängen finden wir auch mal ungewöhnliche Lösungen, da zahlt es sich aus, dass ich mich seit über 15 Jahren mit der Hochschullandschaft beschäftige und fast alles in Deutschland kenne. Zum Beispiel den Studiengang Recht, Personalmanagement und Personalpsychologie, den es nur ein einziges Mal in Deutschland gibt. Ein guter Berater muss dann eben auch wissen, dass es ihn gibt und wo.


Patrick Ruthven-Murray

ist Dipl.-Kaufmann und Geschäftsführer der privaten Studienberatung planZ, die er 2004 gemeinsam mit zwei Partnern in Berlin gegründet hat. Er hat erfolgreiche Ratgeber zum Thema Studienwahl, Medizinstudium und naturwissenschaftliche Auswahltests in der Medizin verfasst.

Informationen zu seiner Studienberatung finden Sie auf der Webseite von planZ


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