50 Jahre ZEPP

von Prof. Dr. Matthias Nückles


Die Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (kurz "ZEPP") erscheint 2018 im 50. Jahrgang. Seit der erste Ausgabe Ende der 60er Jahre hat sich in beiden Fachgebieten viel getan und auch die ZEPP hat sich verändert.

Anlässlich des 50. Jubiläums haben wir mit Prof. Dr. Martin Pinquart und Prof. Dr. Matthias Nückles, beide Herausgeber der ZEPP, gesprochen.

Herr Professor Pinquart, Herr Professor Nückles, können Sie sich noch erinnern, wann und wo Sie das erste Mal ein Exemplar der ZEPP in den Händen gehalten haben?

Martin Pinquart: Am Anfang meiner wissenschaftlichen Laufbahn fühlte ich mich noch nicht sicher, Manuskripte in englischer Sprache abzufassen. Deshalb stieß ich sehr schnell auf die ZEPP, in der ich eine entwicklungspsychologische Studie in deutscher Sprache publizieren konnte.

Matthias Nückles: Bei der Konzeption meiner Vorlesungen für angehende Lehrkräfte finde ich es wichtig, Themen zu behandeln, die nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern vor allem für das berufliche Handeln von Lehrkräften relevant sind. Bei der Literaturrecherche stieß ich dabei schnell auf die ZEPP, weil diese Zeitschrift hohe wissenschaftliche Qualität mit Praxisrelevanz auf ideale Weise verbindet.


Als die erste ZEPP erschien, gab es einen großen Bedarf für eine Zeitschrift, die Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie verbindet. Heute geht es eher darum, den Separierungstendenzen der beiden Fachgebiete entgegenzuwirken. Warum ist der Austausch zwischen den beiden Fächern so wichtig?

Martin Pinquart: Im schulischen Kontext vollziehen sich Entwicklungsprozesse, welche nicht nur die Wissensentwicklung, sondern auch die Entwicklung sozialer Fähigkeiten und die Persönlichkeitsentwicklung ganz allgemein betreffen.

Umgekehrt gilt auch, dass der Entwicklungsstand eines Kindes Auswirkungen auf den Lehr- und Lernprozess hat. Deshalb ist es wichtig, im Schnittbereich von Entwicklungspsychologie und Pädagogischer Psychologie zu forschen.

Matthias Nückles: Die Pädagogische Psychologie als Anwendungsfach greift an vielen Stellen auf grundlegende Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie zurück.

Wenn es um pädagogisch-psychologische Themen wie Förderung selbstregulierten Lernens oder Trainings zur Lese-Rechtschreibschwäche geht, zeigt sich schnell, dass ein Austausch der Disziplinen unabdingbar ist: Will man Lernstrategien bei Kindern und Jugendlichen fördern, braucht man Wissen darüber, wie sich Lernstrategien entwickeln. Will man Trainings zur Förderung von Kindern mit LRS entwickeln, braucht man Kenntnisse über entwicklungspsychologische Konzepte wie die phonologische Bewusstheit.

Auch für die Praxis pädagogischer Berufe ist der Austausch relevant: Erzieher*innen, Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen – sie alle brauchen sowohl entwicklungspsychologisches als auch pädagogisch-psychologisches Wissen, um ihre jeweiligen Berufe kompetent ausüben zu können.


Die Themen in der Pädagogischen Psychologie und in der Entwicklungspsychologie verändern sich und die ZEPP greift sie auf. Was würden Sie sagen, was sind aktuelle Trends in der Forschung?

Martin Pinquart: Entwicklungspsychologische Forschung war zur Zeit der Gründung der Zeitschrift noch weitgehend auf das Kindes- und Jugendalter konzentriert. Heute wird die ganze Lebensspanne betrachtet.
Darüber hinaus gibt es auch methodische Weiterentwicklungen, die es z.B. ermöglichen, differentieller Entwicklungsprozesse zu untersuchen oder detaillierte Einsichten in frühe Entwicklungsprozesse im Säuglings- und Kleinkindalter zu gewinnen.

Ein weiterer sehr spannender Trend betrifft die Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Erbanlagen und Umweltfaktoren.  Es wird z. B. erforscht, ob Umwelteinflüsse in Abhängigkeit von der Ausprägung bestimmter Gene unterschiedliche Auswirkungen auf Entwicklungsprozesse haben.

Matthias Nückles: In der Pädagogischen Psychologie sind meines Erachtens derzeit Themen aktuell, die allesamt früher schon einmal Trends waren.

Als Folge von PISA ist die Frage nach der Entwicklung und Struktur professioneller Kompetenzen von Lehrkräften (zu Recht) stark in den Blickpunkt gerückt.

Daneben erlebt angesichts der aktuellen Diskussion um die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt das Thema "Lehren und Lernen mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien" wieder einen Aufschwung.

Schließlich gibt es bei experimentell und instruktionspsychologisch arbeitenden pädagogischen Psycholog*innen ein zunehmendes Forschungsinteresse an klassischen, ursprünglich aus der allgemeinen Psychologie kommenden Themen wie Verteiltes Üben, Testing-Effekt und den so genannten wünschenswerten Erschwernissen beim Lernen (Desirable Difficulties).


Innerhalb von 50 Jahren muss eine Zeitschrift auch formal angepasst werden. Was hat sich besonders in den letzten Jahren geändert?

Martin Pinquart: Die wichtigste Änderung der letzten Jahre betrifft aus meiner Sicht die Möglichkeit, Manuskripte auch in englischer Sprache einzureichen. Dies erhöht die internationale Sichtbarkeit.

Es gab im Herausgeberteam auch schon die Überlegung, die Zeitschrift grundsätzlich auf Englisch zu publizieren. Wir möchten aber auch jene Autor*innen und Leser*innen ansprechen, die sich in der deutschen Sprache sicherer fühlen. In Nebenfachseminaren zur Entwicklungspsychologie freuen sich z. B. viele Studierende, wenn auch deutschsprachige Arbeiten auf der Literaturliste stehen.

Matthias Nückles: Eine weitere Veränderung war die Einführung des Online-Editorial-Management-Systems. Dieses zeitgemäße, komfortable System erleichtert den Autor*innen das Einreichen von Manuskripten und erlaubt zugleich auch eine sehr effiziente Begutachtung.


Was unterscheidet die ZEPP von anderen Fachzeitschriften im Bereich Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie?

Martin Pinquart: Zum einen werden Arbeiten aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie und der Pädagogischen Psychologie (und hierbei nicht nur an der Schnittstelle) publiziert, während die meisten anderen Fachzeitschriften auf eine der beiden Disziplinen festgelegt sind.

Zum anderen ist die ZEPP thematisch breiter aufgestellt als viele Fachzeitschriften, die nur einen sehr engen Themenbereich abdecken, wie etwa Entwicklung im Jugendalter oder kognitive Entwicklung.

Matthias Nückles: Darüber hinaus ist aus meiner Sicht auch die Praxisrelevanz vieler Beiträge eine Besonderheit. Die ZEPP richtet sich ja nicht allein an Wissenschaftler*innen, sondern explizit auch an Praktiker*innen.


Gab es einmal einen Beitrag in der ZEPP, der Sie besonders beeindruckt oder überrascht hat?

Martin Pinquart: Wie die meisten meiner Kolleg*innen im Bereich der Entwicklungspsychologie habe auch ich einen Fokus auf eine begrenzte Zahl von Forschungsthemen. Deshalb lerne ich viel aus Beiträgen, die sich mit Themen beschäftigen, die ansonsten nicht im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit stehen.

So schien z. B. über längere Zeit gut belegt zu sein, dass die Lernfreude der Schüler*innen im Mittel über die Schulzeit hinweg absinkt. In einem der jüngsten Hefte der ZEPP war ich deshalb überrascht zu lesen, dass nach dem Übergang in die Sekundarstufe 2 oder in das duale Ausbildungssystem eine Zunahme der Lernfreude auftritt (Becker, Pfost, Schiefer & Artelt, 2017). Wenn Schüler*innen oder Auszubildenden also klar wird, dass das Gelernte für den gewünschten späteren Beruf wichtig ist, wächst die Freue am Lernen wieder.

Matthias Nückles: Da gab bzw. gibt es mehrere, die ich beindruckend fand. Spontan fällt mir ein älterer Beitrag zu Mobbing in der Schule ein (Schäfer & Korn, 2004). Ich stieß auf diesen Aufsatz, als ich eine Einführungsvorlesung in die Schulpädagogik konzipierte und mich über gruppenpsychologische Prozesse beim Mobbing informieren wollte. Schäfer und Korns Studie zum Participant-Role-Ansatz, wonach im Prinzip allen Schüler*innen in einer Klasse eine spezifische Rolle beim Mobbing zugewiesen werden kann, fand ich sehr lehrreich und überzeugend (siehe auch Knauf, Eschenbeck & Käser, 2017).

Bemerkenswert finde ich weiterhin die Metaanalyse zur Wirksamkeit von Trainings der phonologischen Bewusstheit (Fischer & Pfost, 2015), die ein eher ernüchterndes Bild zeichnet von einem Forschungsgebiet, das allgemein als Erfolgsgeschichte in der Pädagogischen Psychologie gilt.

 

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