Das AMDP-System

von Prof. Dr. Rolf-Dieter Stieglitz


Seit mehr als 50 Jahren setzen Kliniker das AMDP-System erfolgreich zur Dokumentation psychiatrisch relevanter Phänomene ein. Neben anamnestischen Daten werden vor allem 100 psychische sowie 40 somatische Symptome erfasst. So erhält man einen umfassenden Überblick über den Zustand eines Patienten.

Wir haben mit Prof. Dr. Rolf-Dieter Stieglitz gesprochen, der bereits an zahlreichen Publikationen zum AMDP-System mitgewirkt hat.


Herr Professor Stieglitz, können Sie kurz zusammenfassen, wie ein psychopathologischer Befund nach AMDP aussieht?

Das AMDP-System bietet die Möglichkeit, den psychopathologischen Befund systematisch und vollständig zu erfassen. Durch das Glossar zu den psychischen und somatischen Symptomen wird eine Vereinheitlichung der psychiatrischen Fachsprache erreicht und damit u.a. auch eine Verbesserung der Übereinstimmung zwischen Untersuchern (Interrater-Reliabilität).

Die erhobenen Befunde können dann z.B. die Basis für den psychopathologischen Befundbericht bilden. Zahlreiche illustrative Beispiele, wie dies erfolgen kann, haben wir im kürzlich erschienenen "Praxisbuch AMDP" zusammengestellt.


Zahlreiche Kliniken setzen das AMDP-System für ihre interne Dokumentation ein. Was macht das AMDP so nützlich für den Klinikalltag?

Der wichtigste Punkt ist zunächst einmal sicherlich die Vereinheitlichung der Fachsprache und damit die Erleichterung und Verbesserung der Kommunikation innerhalb einer Institution. Weiterhin können Institutionen das AMDP-System u.a. im Rahmen einer Basisdokumentation zur Qualitätssicherung der Behandlung einsetzen. So können z.B. Aufnahme- und Entlassungsbefunde miteinander verglichen werden, wenn die Dokumentationsbögen verwendet werden.

Viele kennen das AMDP-System auch schon aus dem Studium oder der Ausbildung. Was meinen Sie, warum wird das AMDP so gerne in der Aus-, Fort- und Weiterbildung eingesetzt?

Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen wird in den meisten Lehrbüchern zur Psychiatrie auf das AMDP-System Bezug genommen. Zudem stellt das System im deutschsprachigen Bereich (aber auch international) die einzige Möglichkeit dar, psychopathologische Begriffe systematisch zu erlernen. Von der AMDP regelmäßig angebotene Trainingsseminare haben hier ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt.


Das AMDP gibt es nun ja schon seit einigen Jahrzehnten. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Verbesserungen in den letzten Jahren?

Das AMDP-System ist immer ein dynamisches System gewesen, d.h. es wurde von Anfang an kontinuierlich weiterentwickelt. Die ersten Meilensteine waren 1971 die Herausgabe des ersten Manuals sowie 1979 (basierend auf empirischen Studien) die Reduktion der Symptome auf die heute noch gültigen 100 psychischen und 40 somatischen Symptome.

1995 wurde die Darstellung der Symptome vereinheitlicht (jeweils Definition, Erläuterungen und Beispiel, Hinweise zur Graduierung, Abzugrenzende Merkmale). Außerdem wurden die zu beachtenden Informationsquellen bei der Beurteilung einzelner Symptome eingeführt (Patient, Untersucher oder beide).

2016 erfolgte dann in der 10. Auflage die Erweiterung des Merkmalsbestandes um einige Zusatzsymptome, die immer wieder als wünschenswert erachtet wurden.

Nicht zu vergessen ist auch der Interviewleitfaden, der parallel zum Manual seit 1989 ebenfalls kontinuierlich weiterentwickelt wurde.

Ebenso zu erwähnen sind die in den letzten Jahren erschienenen fremdsprachigen Versionen (Italienisch, Portugiesisch, Englisch).


Neben dem Leitfaden zum AMDP-System ist nun auch ein neues "Praxisbuch AMDP" erschienen. Wie können Leitfaden und Praxisbuch Klinikern die Diagnostik erleichtern?

Beide Bücher stellen wichtige Ergänzungen zum AMDP-Manual dar. Der Leitfaden wurde seinerzeit konzipiert, weil nicht nur Anfänger oft Schwierigkeiten haben, die psychopathologischen Phänomene zu erfragen. Die Anregung, diesen zu entwickeln, entstand aufgrund von Diskussionen und Fragen in den seit nun mehr als 20 Jahren angebotenen AMDP-Trainingsseminaren. Diese waren auch Anlass, das Praxisbuch herauszugeben. Immer wieder tauchten Fragen auf, die die praktische Anwendung des Systems betrafen, wie "Was kann ich jetzt mit den erhobenen Befunden machen?", "Kann man mit dem AMDP-System Diagnosen nach ICD-10 stellen?", "Wie kann man klinikinterne Kurse organisieren?" oder "Muss man immer das ganze AMDP-System durchführen?". Auf all diese Fragen gibt das "Praxisbuch AMDP" in 33 Kapiteln ausführliche Antworten.


Um eine der eben erwähnten Fragen zu stellen: Hilft der psychopathologische Befund denn nun bei der Diagnosestellung nach ICD-10?

Obwohl das AMDP-System ursprünglich nicht für die Diagnosestellung nach einem Klassifikationssystem vorgesehen war, können eine Reihe der wichtigsten Störungen der ICD-10 diagnostiziert werden, wenn man auch die dort aufgeführten Zeitkriterien für die einzelnen Störungen berücksichtigt. Dies gilt vor allem für die Schizophrenie, Depression, Manie, Zwangsstörung, aber auch z.T. für einige organische Störungen.


In der neuen Psychotherapie-Richtlinie (§ 10 Absatz 2) wird empfohlen, standardisierte diagnostische Instrumente einzusetzen. Könnte das AMDP-System in diesem Sinne auch als Grundlage für eine standardisierte Diagnostik in der psychotherapeutischen Sprechstunde dienen?

Hierzu eignet sich sicherlich auch das AMDP-System. Es wurde zwar ursprünglich nicht für diesen Bereich konzipiert, jedoch dort auch immer wieder (auch in Studien) eingesetzt. Es ermöglicht zunächst eine umfassende Abklärung des Vorhandseins oder Nicht-Vorhandenseins der wichtigsten psychopathologischen Phänomene. Auch in der Psychotherapie muss man sich ja ein Bild davon machen, ob bei einem Patienten z.B. Suizidalität, Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen vorliegen oder nicht.


Weitere Informationen rund um das AMDP-System finden Sie auch hier.

 

Das AMDP-System

Herausgeber
Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie (AMDP)

Aktuelle Version
10., korrigierte Auflage von 2018

Seit wann gibt es das AMDP-System?
1971

Worum geht's?
Erfassung von anamnestischen Daten sowie 100 psychischen und 40 somatischen Symptomen

Wer nutzt das AMDP?
Praktisch tätige Psychiater, Klinische Psychologen, Psychotherapeuten und Pflegefachkräfte sowie Wissenschaftler und Lehrende

 

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