Dankbarkeit in der Psychotherapie

In den letzten Jahren hat das Interesse an Dankbarkeit in der Forschung stark zugenommen. Mittlerweile ist Dankbarkeit eine der meistuntersuchten Variablen der Positiven Psychologie. Ganz allmählich hält die Dankbarkeit auch Einzug in die psychotherapeutische Arbeit. Doch wie lässt sich Dankbarkeit in die Psychotherapie integrieren und zu welchem Zweck?

Wir haben darüber mit den Autoren des Buches „Dankbarkeit in der Psychotherapie“, Prof. Dr. Henning Freund und Prof. Dr. Dirk Lehr, gesprochen.

Menschen auf einem Balkon applaudieren Corona-Helfern.
Ein Zeichen der Dankbarkeit – Applaus aus Fenstern und von Balkonen für die Helfer in Zeiten der Coronavirus-Krise.

Warum wurde Dankbarkeit bis vor Kurzem in der Psychotherapie so wenig thematisiert?

Henning Freund: Die Psychotherapie hat sich lange Zeit mit dem Verstehen und der Linderung negativer Emotionen beschäftigt, da ist Dankbarkeit als überwiegend positives Gefühl nicht in den Blick genommen worden. Vielleicht erschien das Konzept vielen Psychotherapeut*innen aber auch aufgrund der Nähe zur Spiritualität suspekt. Hier sehen wir seit einigen Jahren eine deutlich größere Wertschätzung von spirituellen Themen und existenziellen Fragestellungen.

Dirk Lehr: Mich haben an Dankbarkeit als therapeutischem Werkzeug am Anfang vor allem die Einfachheit und Bodenständigkeit angesprochen. Auf andere mag aber vielleicht genau das zu wenig neu und exotisch wirken. Bei Dankbarkeit schwingt natürlich auch immer mit, dass vieles von dem, was wir erreicht haben, ohne den Beitrag von anderen nicht möglich gewesen wäre. Das ist eine schwierige Nachricht in einem gesellschaftlichen Klima, das das Scheinwerferlicht des Erfolgs lieber auf einen richtet und nicht so sehr auf all die vielen, die auch auf der Bühne sind.

Welches Dankbarkeitskonzept vertreten Sie?

Dirk Lehr: Ich finde drei Überlegungen ganz hilfreich. Mir gefällt die Beschreibung von Alex Wood sehr gut, der Dankbarkeit als eine Haltung versteht, Positives wahrzunehmen und es wertzuschätzen.

Philip Watkins vergleicht Dankbarkeit mit einem Verstärker des Guten im Leben und alle, die mal E-Gitarre versucht haben, wissen, ohne Verstärker bringt das wenig Freude.

Der dritte hilfreiche Gedanke stammt von Sara Algo, die ganz stark betont, dass Dankbarkeit ein Gefühl ist, das unsere Beziehungen zu anderen stärkt und vertieft.

Dankbarkeit in die Therapie einbauen

Wie kann Dankbarkeit in die Therapie eingebaut werden?

Henning Freund: Für mich gibt es zwei Wege, Dankbarkeit in die Therapie zu integrieren.

Der mittlerweile bekannteste ist die Durchführungen von Dankbarkeitsübungen zur stärkeren Verankerung von Dankbarkeit als hilfreiche Ressource im Alltag der Klient*innen.

Wenn man aber genau hinhört, bemerkt man, wie oft die Klient*innen dankbarkeitsrelevante Aspekte von sich aus erwähnen, zum Beispiel als Schwierigkeiten mit dem Erleben von Dankbarkeit oder als „überdankbare“ Haltung anderen gegenüber. Das gilt es aufzugreifen und therapeutisch zu nutzen.

Das Dankbarkeitstagebuch: Eine typische Dankbarkeitsübung

Was wäre eine typische Dankbarkeitsübung für die Therapie?

Dirk Lehr: Für Menschen, die gerne Tagebuch schreiben, wäre ein Dankbarkeitstagbuch ein guter Einstieg. Andere machen vielleicht gerne Fotos, und so könnte man das Smartphone leicht in ein Dankbarkeits-Fototagebuch verwandeln.

Wenn es mehr um biografisches Arbeiten geht, dann kann es ganz fruchtbar sein, einmal etwas aufzuschreiben, was andere zum Gelingen des eigenen Lebens beigetragen haben, und das z.B. als Brief auch zum Ausdruck zu bringen.

Zudem können Imaginationen von Dankbarkeitserlebnissen ganz eindrücklich sein, da dies das Gefühl der Dankbarkeit am besten anspricht.

Wie sieht so ein Dankbarkeitstagebuch aus?

Dirk Lehr: Inzwischen gibt es verschiedene Dankbarkeitstagebücher im Handel. Man kann aber auch einfach ein leeres Buch verwenden (oder sich eine Liste im Smartphone anlegen) und z.B. jeden Abend vor dem Schlafengehen drei Dinge notieren, für die man dankbar ist („Counting Blessings“). Das können auch ganz kleine Dinge sein, wie eine nette SMS von einem Freund oder ein leckerer Nachtisch in der Kantine an diesem Tag.

Weniger Grübeln und bessere Beziehungen

Wie profitieren Patient*innen von Dankbarkeit?

Dirk Lehr: In unseren eigenen Studien sehen wir durchaus beachtliche Veränderungen in der Neigung, zu grübeln und sich zu sorgen. Dafür scheint es aber wichtig zu sein, Dankbarkeit mit mehreren Übungen anzugehen und sich nicht nur auf eine Übung zu beschränken.

Henning Freund: Eine weitere positive Auswirkung könnte die Verbesserung von zwischenmenschlichen Beziehungen sein. Paare, die es schaffen, sich gegenseitig mehr Wertschätzung und Dankbarkeit im oft schwierigen Beziehungsalltag entgegenzubringen, kommen besser miteinander zurecht.

Gibt es auch Patient*innen, denen Dankbarkeit nicht hilft?

Dirk Lehr: Wissenschaftlich wissen wir dazu noch wenig, aber es gibt ein paar Erfahrungswerte. Wenn ich jemandem eine Dank-Übung vorschlage und merke, da gibt es Interesse, sich darauf einzulassen, dann lohnt es sich, weiterzugehen. Wenn ich aber, als jemand, der diese Übungen selbst wirklich gut findet, keine Neugier auf Dankbarkeit auslösen kann, ist es angeraten, mein therapeutisches Ziel anders anzugehen.

Henning Freund: Ich würde das anders formulieren: Es gibt Zeiten oder Problemlagen im Leben, in denen die therapeutische Arbeit an Dankbarkeit unangebracht ist. Ich denke da an Menschen mit den Erfahrungen von schwerer Depressivität, Traumata oder chronischen Erkrankungen. Wie heißt es so schön: Alles hat seine Zeit.

Patienten, die Geschenke machen

Wie gehen Sie als Therapeuten damit um, wenn Patient*innen Ihnen Geschenke machen?

Henning Freund: In den allermeisten Fällen freue ich mich sehr und habe keinerlei Probleme, eine kleinere Aufmerksamkeit anzunehmen. Das sind ganz besondere Momente, gerade zum Abschluss der Therapie. Nur selten frage ich mich, beispielsweise bei zu häufigen Geschenken, was dies über die therapeutische Beziehung aussagt. Das spreche ich dann auch an.

Dankbarkeit in Krisenzeiten

Wie wichtig ist Dankbarkeit in Krisenzeiten wie der aktuellen COVID-19-Pandemie?

Henning Freund: Es gibt eine Studie, die zeigt, dass sich die Dankbarkeit der Amerikaner*innen in den Monaten nach 9/11 verstärkt hat. Krisen wie die aktuelle können unseren Blick auf die existenzielle Tatsache richten, dass wir auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen sind und dass wir von guten Voraussetzungen in dieser Welt leben, die wir selbst nicht schaffen können. Das macht dankbar und auch demütig.

Dirk Lehr: Wir haben gerade ein webbasiertes Unterstützungsangebot für Menschen entwickelt, bei denen die vielen Ungewissheiten der Krise übermäßige Sorgen auslösen.

Am Ende des Programms geht es darum, Zuversicht zu gewinnen und trotz der enormen Schwierigkeiten die Haben-Seite nicht aus dem Blick zu verlieren – gerade deshalb darauf zu achten, Positives wahrzunehmen und es wertzuschätzen. Da sind wir dann beim Kern von Dankbarkeit und deshalb ist unsere Dank-App auch Teil des Programms für sorgengeplagte Menschen in der Corona-Krise geworden.

Lesen Sie hier das erste Kapitel aus „Dankbarkeit in der Psychotherapie“ von Henning Freund und Dirk Lehr.


Prof. Dr. Henning Freund

Prof. Dr. Henning Freund ist Professor für Religionspsychologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg und Geschäftsführer des Marburger Instituts für Religion und Psychotherapie. Seit 2014 ist er auch in eigener Psychotherapiepraxis in Heidelberg tätig.


Prof. Dr. Dirk Lehr

Prof. Dr. Dirk Lehr ist Professor für Gesundheitspsychologie und Angewandte Biologische Psychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Zuvor war er als Medizin-Psychologe an der Philipps Universität Marburg tätig, bevor er als Projektleiter von GET.ON GesundheitsTraining.Online im Innovations-Inkubator an der Leuphana Universität arbeitete.


  • Ressort Klinik
  • Dankbarkeit