DSM und ICD


Jede Therapie und jede wissenschaftliche Studie zu psychischen Störungen beginnt mit einer Diagnose. Ob Psychotherapeuten, Ärzte oder Forscher – sie alle stellen ihre Diagnosen auf Basis der ICD und des DSM. Neben vielen Gemeinsamkeiten, gibt es auch wichtige Unterschiede zwischen den beiden großen Klassifikationssystemen. Richtig eingesetzt ergänzen sich beide optimal.

Alle psychischen Störungen werden im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM) der American Psychiatric Association (APA) und in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschrieben und klassifiziert. Die klare und einheitliche Definition jeder Störung hilft bei der Diagnosestellung und der Versorgung von Patienten, da sie als gemeinsame Sprache zwischen Ärzten, Therapeuten und allen anderen Beteiligten dient.

Sowohl DSM als auch ICD sind unabhängig von der Therapieschule und können von Tiefenpsychologen genauso eingesetzt werden wie von Verhaltenstherapeuten oder in der systemischen Therapie. Dies ist vor allem deshalb möglich, weil die Störungen unabhängig von ihren Ursachen beschrieben werden. Der Fokus liegt auf dem Erscheinungsbild jeder Erkrankung und nicht auf der Entstehung, die sich bei vielen psychischen Störungen bisher noch nicht eindeutig erklären lässt.

Auch bei der Erforschung psychischer Störungen sind einheitliche Diagnosen notwendig. Verschiedene (internationale) Studien zu ADHS lassen sich z.B. nur dann gut vergleichen, wenn man sicher sein kann, dass die Autoren auch das gleiche unter „ADHS“ verstehen. Da ICD und DSM etwa alle 10 bis 15 Jahre überarbeitet werden, sind sie auch eine Referenz für den aktuellen Stand der Forschung mit dem Anspruch, immer die bestmögliche Definition zu geben.

Gemeinsamkeiten von ICD und DSM

ICD und DSM beschreiben bis auf wenige Ausnahmen die gleichen Störungsgruppen und stimmen auch in den Kriterien für die Störungen größtenteils überein. Bei Revisionen arbeiten WHO und APA eng zusammen, um die Klassifikationen weiter aufeinander abzustimmen.

Beide Systeme folgen dem sog. kategorialen Ansatz. Störungen werden als klar abgrenzbar und unterscheidbar angesehen. Für jede Störung gibt es eine Liste mit Merkmalen, die für eine Diagnose vorhanden sein müssen. Die Realität hat jedoch gezeigt, dass die Grenzen zwischen verschiedenen Störungen viel durchlässiger sind, als im kategorialen Ansatz angenommen. Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen können zum Teil die gleichen Symptome aufweisen. Ängste werden z.B. nicht nur bei Angststörungen, sondern auch bei Depressionen berichtet. Umgekehrt kann sich auch ein und dieselbe Störung auf ganz unterschiedliche Weise äußern. Manche Patienten mit Depressionen haben Schlafstörungen, andere nicht. Im DSM-5 (der 5. Revision des DSM) wurde auf diese Tatsache reagiert, indem häufig auch dimensionale Ansätze einbezogen wurden.

Kategorialer Ansatz

Liegen bei einem Patienten alle Merkmale für die Diagnose einer Angststörung vor?

Dieser Ansatz dient der Unterscheidung und eindeutigen Diagnose von Störungen. Weist ein Patient nur einige, aber nicht alle Symptome einer Störung auf, kann auch keine Diagnose gestellt werden. Wenn die Symptome nicht dem „typischen“ Störungsbild entsprechen, aber trotzdem Behandlungsbedarf besteht, diagnostizieren Kliniker eine „Nicht Näher Bezeichnete“ (NNB) Störung, z.B. eine Nicht Näher Bezeichnete Angststörung.


Dimensionaler Ansatz

Weist eine Person ein niedrige, mittlere oder hohe Ängstlichkeit auf?

Es wird davon ausgegangen, dass Merkmale kontinuierlich auf einer Dimension mit zwei Polen (z.B. keine Ängstlichkeit – starke Ängstlichkeit) verteilt sind. Auch für psychisch Gesunde lässt sich ein Wert auf jeder Dimension bestimmen. Außerdem können mehrere Merkmale in einem Profil beschrieben werden. Bei einem Patienten können z.B. gleichzeitig mittlere Ängstlichkeit und leichte Depressivität vorliegen.

 

Neben den Störungskriterien enthalten ICD und DSM auch Fragen zur klinischen Bedeutsamkeit: Leidet der Betroffene (oder sein Umfeld) unter der Störung? Kommt es zu Beeinträchtigungen? Auch Ausschlusskriterien, die bei der Differenzialdiagnose helfen, sind in beiden Klassifikationen enthalten.

Die wichtigsten Unterschiede

Während das DSM ausschließlich psychische Störungen klassifiziert, enthält das ICD sämtliche medizinischen Erkrankungen. Die psychischen Störungen werden in Kapitel V (F) aufgeführt. Im ICD wird außerdem für jede Störung ein Code angegeben (z.B. F42 für eine Zwangsstörung), der als Abrechnungsinstrument für Ärzte nach V. SGB (Sozialgesetzbuch) verpflichtend ist. Im DSM gibt es keine Nummerierung der Störungen, aber jeder Diagnose kann ein ICD-Code zugeordnet werden.

Beide Klassifikationen stellen eindeutige Störungskriterien für eine objektive Diagnostik bereit. Im DSM ist diese Operationalisierung jedoch genauer. Es ist das Referenzwerk für die Forschung. Die Leitlinien der ICD lassen dem Diagnostiker dagegen mehr Interpretationsspielraum, was Vorteile für den internationalen Einsatz hat. Für Störungsbilder, die noch nicht ausreichend untersucht sind, und daher noch keine „offizielle“ Diagnose darstellen, führt das DSM sogenannte Forschungsdiagnosen auf. Dies erleichtert Wissenschaftlern die Arbeit und verbessert die Vergleichbarkeit von Studien. Eine neue Forschungsdiagnose im DSM-5 ist z.B. die Computerspielabhängigkeit.

In der ICD werden Leitlinien und Beschreibungen jeder Störung bereit gestellt, im DSM sind diese Informationen „rund um das Störungsbild“ aber deutlich umfangreicher, sodass es sich auch besonders für Lehre und Ausbildung eignet.

Ein gutes Team: DSM und ICD

Die APA nennt DSM und ICD „companion publications“ und betont die synergistischen Effekte. Obwohl die Diagnosegruppen und Kriterien in ICD und DSM zum großen Teil bereits übereinstimmen, arbeiten WHO und APA weiter an der Harmonisierung der beiden Systeme. So soll z.B. die Erstellung von Gesundheitsstatistiken oder die Replikation von Studien in unterschiedlichen Ländern vereinfacht werden.

Die 11. Revision der ICD (ICD-11) befindet sich aktuell zwar noch in der Entwicklung, die Gliederung des DSM-5 wurde aber schon mit den geplanten Veränderungen abgestimmt. Wenn die ICD-11 voraussichtlich 2018 erscheint, wird ihre Struktur daher nahezu der des DSM-5 entsprechen. hm

 

Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen

Herausgeber
American Psychiatric Association (APA)

Aktuelle Version
DSM-5 (5. Revision)

Seit wann gibt es das DSM?
1844 wurde die erste Vorläuferversion des DSM von der APA herausgegeben.

Worum geht’s?
Klassifikation psychischer Erkrankungen

Wer nutzt das DSM?
Vor allem Wissenschaftler und Lehrende, aber auch praktisch tätige Psychologen und Ärzte.

Heißt es DSM-V oder DSM-5?
DSM-5, denn die DSM-Revisionen werden jetzt nicht mehr mit römischen, sondern mit arabischen Zahlen nummeriert. Die APA möchte auf neue Forschungserkenntnisse schneller reagieren und nicht jedes Mal auf die nächste Revision warten. Daher sind Updates zum DSM-5 geplant, die dann z.B. mit DSM-5.1 und DSM-5.2 gekennzeichnet werden können.

Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme

Herausgeber
Welt­gesundheits­organisation (WHO)
Herausgeber der deutschen Übersetzung und Adaption ist das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Informationen (DIMDI).

Aktuelle Version
ICD-10 (10. Revision)

Worum geht’s?
Klassifikation aller Erkrankungen
Die psychischen Erkrankungen findet man in Kapitel V (F) „Psychische und Verhaltensstörungen“ unter den Codes F00–F99.

Wer nutzt Kapitel V der ICD?
Vor allem praktisch tätige Psychologen und Ärzte, aber auch Wissenschaftler und Lehrende.

Was verbirgt sich hinter ICD-10-CM und ICD-10-GM?

CM (Clinical Modification): Adaption der ICD-10 für das Gesundheitswesen in den USA.
GM (German Modification): Adaption der ICD-10 für das Gesundheitswesen in Deutschland.

Wann erscheint die ICD-11?
Das englische Original ist für 2018 angekündigt.

Seit wann gibt es die ICD?
1948 wurde die ICD zum ersten Mal von der WHO als Verzeichnis der Krankheiten herausgegeben. Vorläufer war das Todesursachenverzeichnis ILCD. Seine Entwicklung begann schon 1853.

 

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