Suizidgefährdete Kinder und Jugendliche: Wie Eltern helfen können

Kinder und Jugendliche beschäftigen sich im Laufe ihrer Entwicklung auch mit der Endlichkeit des Lebens und dem Tod. Suizidgedanken kommen im Jugendalter ebenfalls häufig vor. Vollendete Suizide sind in diesem Alter jedoch zum Glück selten. Trotzdem sollte jede Äußerung in dieser Hinsicht und jeder Verdacht ernst genommen werden.

Elisabeth Waibel-Krammer von GO-ON Suizidprävention Steiermark erklärt, worauf Eltern achten sollten und was sie für ihre Kinder tun können.

Kind, dem eine helfende Hand gereicht wird
Eltern können Kindern das Gefühl vermitteln, nicht mehr allein zu sein.

 

Warum denken Kinder oder Jugendliche darüber nach, sich das Leben zu nehmen? Welche Gründe gibt es?

Die Gründe und Auslöser, die zu Suizidalität führen können, sind vielfältig. Es kann Überforderung sein oder das Gefühl, in einer ausweglosen Situation wie „gefangen" zu sein. Sehr belastend ist es, wenn Kinder oder Jugendliche keine Zukunft für sich selbst sehen und keinen Sinn mehr im Leben finden. Oft stehen dahinter auch Gefühle von Einsamkeit und Unverstandensein. Manchmal kommt auch die Empfindung dazu, für alle eine Last zu sein. Diese Gefühle können unter Umständen so stark sein, dass es dem Kind oder Jugendlichen scheint, als wären sie nicht mehr auszuhalten. Es spielen jedoch immer mehrere Faktoren eine Rolle.

 

Welche Kinder und Jugendlichen sind besonders gefährdet?

Grundsätzlich gilt für Kinder und Jugendliche ebenso wie für Erwachsene, dass Menschen in für sie ausweglos erscheinenden psychosozialen Krisen besonders gefährdet sind. Die Gefährdung erhöht sich, wenn auch der Sinn im Leben und Ziele fehlen.

Bestimmte Lebenskrisen kommen laut Forschungsergebnissen öfter in den Vorgeschichten von suizidalen Kindern und Jugendlichen vor. Das sind etwa Suizide in der Familie oder im Freundeskreis sowie Verlusterfahrungen (durch Tod, Scheidung, Trennung oder Umzug). Probleme innerhalb der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis zählen ebenso dazu wie psychische Erkrankungen, Sucht, Depressionen oder Selbstverletzung.

Diskriminierungserfahrungen durch die Zugehörigkeit zu einer sexuellen Minorität oder eine ungewollte Schwangerschaft können ebenfalls große Belastungen darstellen.

Wenn das Kind von einem oder mehreren der Themen betroffen ist, dann kann dies – muss aber nicht zwangsläufig – zu Suizidalität führen. Wichtig ist die Zusammenschau aller Faktoren.

 

Was sind typische Anzeichen, auf die man achten sollte?

Veränderungen von Verhalten und Persönlichkeit sind Anzeichen. Wenn sich Kinder oder Jugendliche plötzlich zurückziehen, sie für ihre Bezugspersonen fast nicht erreichbar scheinen, dann gilt es aufmerksam zu sein. Die Betroffenen verlieren dann auch oft das Interesse an bis dahin wichtig gewesenen Tätigkeiten und Hobbies oder ziehen sich von ihren Freunden zurück.

Manchmal zeigen die Kinder oder Jugendlichen Anzeichen von Depression oder eine generell sehr negative Grundhaltung dem Leben gegenüber. Sie sind dann reizbar und aggressiv – und können diese Gefühle meist selbst kaum kontrollieren.

Ein Signal kann es auch sein, wenn sich Ess- und Schlafgewohnheiten verändern oder die äußere Erscheinung vernachlässigt wird. Häufig gestalten Betroffene dann ihre Profilbilder in sozialen Medien düster und hoffnungslos.

Natürlich ist jede Äußerung von Suizidgedanken ein Warnhinweis. Dies kann direkt oder auch beiläufig durch Sätze wie „Ich halte das alles nicht mehr aus!" oder „Es hat alles keinen Sinn." oder „Ich will nur noch meine Ruhe." geschehen.

Das Verschenken von lieb gewordenen Besitztümern (Spiele, Sammelstücke etc.) kann Teil des Erwachsenwerdens sein, aber auch eine Vorbereitungshandlung auf einen Suizidversuch.

Vorbereitungshandlungen wie das Sammeln von Medikamenten oder das Aufsuchen von bestimmten Orten (z. B. Brücken, Bahnstrecken) sind ebenso wie direkte Suizidankündigungen immer als Warnsignal zu sehen!

 

Sollte ich mein Kind darauf ansprechen, wenn ich den Verdacht habe, dass es über Suizid nachdenkt?

Ja, in jedem Fall! Die Sorge, Sie könnten durch Nachfragen Ihr Kind auf die Idee bringen, sich das Leben zu nehmen, ist unbegründet. Wenn Ihr Kind aber tatsächlich über Suizid nachdenkt, dann wird es sehr froh sein, dass Sie es darauf ansprechen.

Die Gefahr besteht eher darin, das Thema unter den Tisch zu kehren. So bleiben Betroffene mit ihren Gedanken alleine. Sie haben häufig Angst, als „verrückt" abgestempelt zu werden, wenn sie darüber reden, dass sie nicht mehr leben möchten. Aus Scham sprechen sie ihre Suizidideen meist nicht direkt aus und suchen auch keine Hilfe. Das ständige einsame Grübeln über Probleme und der Sog negativer Gedanken können dann so stark werden, dass der Suizid als der einzig mögliche Ausweg erscheint.

 

Bis zu einem gewissen Grad ist die Beschäftigung mit Tod und Suizid aber auch normal. Wo verläuft die Grenze?

Das ist richtig, die Beschäftigung mit den Themen Tod und Suizid ist Teil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung. Wenn sich Kinder und Jugendliche aber sehr intensiv mit diesen Themen befassen und auch andere Signale dazukommen, sollte man aufmerksam sein.

Grundsätzlich gilt, dass immer die Zusammenschau wichtig ist, da erst aus der Summe der Warnsignale über einen längeren Zeitraum das Suizidrisiko abgeschätzt werden kann. Diese Signale sind ernst zu nehmen, aufmerksam zu beobachten und beim Kind zu hinterfragen! Manchmal sind diese Warnsignale kaum von „normalen" Entwicklungskrisen zu unterscheiden. Daher ist es so wichtig, mit dem Kind darüber zu reden, was man als Erwachsener wahrgenommen hat und worüber man sich Sorgen macht.

 

Wie spreche ich das Thema Suizid denn am besten an? Was kann ich als Elternteil selbst für mein Kind tun?

Suchen Sie einen ruhigen Zeitpunkt und Ort für ein Gespräch und sprechen Sie Ihre Wahrnehmung direkt an, indem Sie z. B. sagen „Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass du so still bist – magst du mit mir darüber sprechen?"

Auch „Denkst du darüber nach, dir das Leben zu nehmen?" wäre eine mögliche Formulierung. Es ist nicht hilfreich „um den heißen Brei herumzureden"! Die Befürchtung direkt auszusprechen, erleichtert ein offenes Gespräch.

Am wichtigsten ist es für Ihr Kind, dass es spürt, verstanden zu werden und jemanden zu haben, der ruhig bleibt, zuhört, die Situation gemeinsam mit ihm erträgt – und gleichzeitig die Überzeugung vermittelt, dass es einen Ausweg aus der schwierigen Lage gibt. Es geht nicht darum, sofort eine Lösung zu finden, sondern darum, dass Ihr Kind das Gefühl hat, nicht mehr alleine zu sein!

 

Wann sollte man sich externe Hilfe suchen?

Externer Hilfe bedarf es, wenn sich die Befürchtung bestätigt und das Kind oder der Jugendliche sehr konkrete Suizidgedanken und -pläne hat – beispielsweise Abschiedsbriefe schreibt, im Internet über Suizidmethoden recherchiert, Tabletten sammelt oder schon genaue Pläne hat, wie er oder sie sich selbst töten würde. Dann ist es wichtig, rasch eine Beratungsstelle oder Kriseninterventionsstelle zu kontaktieren.

Auch wenn das Gespräch verweigert wird, oder das Kind im Gespräch nicht erreichbar, „wie hinter einer Glaswand", wirkt und Sie gleichzeitig die Suizidalität nicht einschätzen können und nicht wissen, wie Sie sich verhalten sollen, sollten Sie externe Hilfe suchen.

 

An wen wendet man sich am besten, wenn externe Hilfe benötigt wird?

Wichtig ist, dass man mit seiner Sorge nicht alleine bleibt und die Wahrnehmungen mit einer außenstehenden Person bespricht. Der Partner oder Freunde können helfen, die Situation einzuschätzen. Bleiben Bedenken oder Unklarheiten, dann sollten Sie professionelle Hilfe suchen – auch ohne Ihr Kind, wenn es das für sich in der momentanen Situation ablehnt.

Wenn keine Beratungsstelle erreichbar ist, helfen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von telefonischen Beratungseinrichtungen dabei, mit der Situation richtig umzugehen. Im akuten Notfall zögern Sie nicht, einen Notruf zu wählen.


Elisabeth Waibel-Krammer

Elisabeth Waibel-Krammer ist Diplomierte Sozialarbeiterin. Sie ist als Mitarbeiterin von GO-ON Suizid­prävention Steiermark und in einer Familienberatungsstelle des Psychosozialen Netzwerks (PSN) tätig.


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