Ist Suizid rechtens?


Ist es ein Akt persönlicher Freiheit oder ist Suizid eine per se zu verhindernde Folge von Krankheitskonstellationen? Ein höchst kontroverses Thema, das mit der Diskussion um die ärztliche Suizidbeihilfe bzw. "Sterbehilfe" zusätzlich an Brisanz gewonnen hat.

Etwa jeder 50. Todesfall im deutschsprachigen Raum ist ein Suizid. Seit Anbruch des zweiten Jahrtausends suchten in der Schweiz und in Österreich jährlich etwa 1300-1400 Personen den Freitod, in Deutschland waren es etwa 10 000. In der Alterskategorie der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Suizide neben Unfällen die wichtigsten Todesursachen [1].


Was sagt die Ethik?

Aus ethischer Sicht, so schreibt Prof. Paul Hoff, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, gibt es kein «richtig» oder «falsch», nur zu bedenkende Folgen und Abwägungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Wertvorstellungen. Aus strafrechtlicher Sicht gibt es vier Tatbestände: Suizid, Beihilfe zum Suizid, passive Sterbehilfe und aktive Sterbehilfe. Suizid oder dessen Versuch ist in der Schweiz nicht strafbar. Suizidbeihilfe, z.B. die Verschreibung des tödlichen Mittels, ist auch nicht strafbar, sofern kein selbstsüchtiger Grund auszumachen ist und der Sterbewillige die Entscheidung trifft und den Vollzug selbst durchführt. Passive Sterbehilfe bzw. der Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen auf Wunsch des Sterbenden ist ebenfalls straffrei. Aktive Sterbehilfe dagegen gilt als Tötung bzw. Totschlag und ist strafbar.
Kernelement des ärztlichen Umgangs mit einem Suizidwilligen ist die Frage der Urteilsfähigkeit. Liegt der Suizidabsicht ein autonom gefällter Entscheid zugrunde? Gilt das auch, wenn gleichzeitig eine körperliche oder psychische Erkrankung vorliegt? Oder hat die Erkrankung die Urteilsfähigkeit beeinträchtigt? Das genau unterliegt der ärztlichen Beurteilung, ungeachtet der persönlichen Einstellung des Behandlers. Doch kann das Thema Suizidalität nicht an die Medizin und Psychiatrie delegiert werde. Es braucht einen weiteren gesellschaftlichen Diskurs z.B. über den Begriff Autonomie bei kranken Menschen und dem Menschenbild in unserer Gesellschaft [2].


Wer ist gefährdet?

Als besonders gefährdet für Suizid gelten Menschen mit Depressionen, Psychosen, Substanzmissbrauch oder -abhängigkeit, insbesondere von Alkohol, Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen. Aber auch somatische Erkrankungen wie z.B. Krebs, Herzinfarkt, Hirnschlag oder chronische Schmerzen erhöhen das Suizidrisiko.

Nach dem Motto Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Suizide, zielt die Prävention darauf ab, neben der Behandlung der Grunderkrankungen, den Zugang zu Hilfsmitteln zum Suizid zu erschweren (Einschränkung von Waffenbesitz, Sicherung von Brücken und Bahngleisen, erschwerte Abgabe von Medikamenten). Wichtig ist auch das direkte und taktvolle Ansprechen nach standardisierten Fragebögen [3].

Auch Adoleszente haben ein erhöhtes Risiko, Suizid zu begehen. Das besagen Zahlen, wonach nach Erreichen des 14. Altersjahrs die globale Sterbeziffer bei den 15-19-Jährigen von 0,6 auf 7,4 pro 100 000 Einwohner sprunghaft ansteigt. Gemäß forensischen Untersuchungen suchen die Adosleszenten in den Wochen vor dem Suizid häufig Kontakt zu Vertretern von Gesundheits- und Sozialwesen auf. Häufig haben sie ihre Suizidgedanken im Vorfeld schon verbalisiert, oft ist der Grund "unerträgliche seelische Schmerzen" im Sinne einer Sackgasse. Der klinischen Ersteinschätzung des Suizidrisikos und der Einleitung entsprechender Maßnahmen kommt daher ein hoher Stellenwert zu. Ebenso der Prävention, die Überforderungssituationen der Jugendlichen erfasst. Substanzkonsum, Gewalterfahrungen, psychische oder somatische Erkrankungen begünstigen die Suizidalität. Filmmedien mit einer Romantisierung oder Heroisierung des Suizids haben bei dieser Zielgruppe eine viel größere Hebelwirkung als Printmedien. Ist die akute suizidale Krise eingetreten, hat es sich bewährt, das Thema direkt anzusprechen und klare Worte zu benützen. Die Verwendung von Antidepressiva bei Jugendlichen wird kontrovers diskutiert. Regionen mit einem häufigeren Einsatz weisen jedoch eine geringere Suizidrate auf [4].

Ebenfalls ein hohes Suizidrisiko haben ältere, vereinsamte Menschen. Oft ist eine nicht erkannte Depression am Werk. Daher kann eine konsequente Erkennung und Behandlung von Depression und sozialer Isolation mancher "aussichtslosen Situation" vorbeugen [5]. vh

 

1. Ajdacic-Gross V: Generelle Aspekte, Epidemiologie, Risikofaktoren. Therapeutische Umschau 2015; 72(10): 603-609.
2. Hoff P: Suizid – ethische und rechtliche Aspekte. Therapeutische Umschau 2015; 72(10): 597-602.
3. Röcker S: Suizidalität bei psychischen Erkrankungen – Prävention und Behandlung. Therapeutische Umschau 2015; 72(10): 611-617.
4. Berger GE, Della Casa A, Pauli D: Suizidalität bei Adoleszenten – Prävention und Behandlung. Therapeutische Umschau 2015; 72(10): 619-632.
5. Linnemann C, Leyhe T: Suizid bei älteren Menschen – Risikofaktoren und Prävention. Therapeutische Umschau 2015; 72(10): 633-636.


Ausführliches über dieses Thema finden Sie in der Fachzeitschrift Therapeutische Umschau.

 

 

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