Der Maßstab ist die Pflegequalität!

von Hedwig Francois-Kettner

 

Ein Interview
Dipl.-Pflegewirtin Barbara Müller (Lektorat Health Profession care, Hogrefe Bern) hat mit Hedwig Francois-Kettner gesprochen.

Nur einige Jahre jünger als sie, lernte ich sie schneller kennen als mir damals lieb war: sie hatte sich bereits einen Namen gemacht als jüngste Pflegedirektorin Deutschlands – ich stand am Anfang meiner beruflichen Laufbahn als Krankenschwester auf der Intensivstation. In meinem stürmischen Aufbegehren gegen die hierarchischen (ärztlich dominierten) Strukturen der Klinik begleitete sie mich klug und diplomatisch, glättete die aufgebrachten Wogen und bestätigte mich gleichzeitig darin, dass es gut und richtig ist, sich zu wehren – mir bis heute unvergessen.

Am 30.03.2015 erhielt Hedwig Francois-Kettner das Bundesverdienstkreuz für ihre außergewöhnliche Lebensleistung im Dienst der beruflichen Pflege. Eines ihrer Anliegen war und ist der Aufbau der Pflegeforschung: sie ist die Frau der ersten Stunde, als es darum geht, die Expertenstandards (siehe Kasten) zu entwickeln, die das pflegerische Handeln anhand pflegewissenschaftlicher Expertise begründen. Bis zu ihrem Ausscheiden aus der beruflichen Tätigkeit war sie Mitglied im Lenkungsausschuss und geht heute noch gerne zu den Konsensuskonferenzen, um die lebendigen Diskussionen der zunehmend wissenschaftlich argumentierenden Pflege-Community zu verfolgen.

Qualität in der Pflege war und ist bis heute ihr Thema. Im Klinikum Steglitz wie auch in der Charité führt sie das Marker Umbrella Modell (MUM) ein, ein Qualitätsprogramm aus den USA, und adaptiert es an deutsche Verhältnisse. Das MUM wird neutral als QM-Programm benannt und proklamiert eine hoch anspruchsvolle Pflege: „Es hat bei den Leuten etwas bewirkt: Die, die es verstanden haben, haben eine Begeisterung entwickelt für das Thema, für ihre Berufsausübung. Das hat mich nie losgelassen und ich bin sehr stolz, dass dieses Qualitätsprogramm heute in der Charité die Grundlage ist für das gesamte Unternehmen. Es sorgt für eine Transparenz in den wirtschaftlichen und fachlichen Prozessen: das ging wie ein Ruck durch das gesamte Unternehmen. Qualität sollte der Maßstab sein mit der Überlegung, wie man sie in Standards gießen kann.“ (Francois-Kettner)

In meinem Gespräch mit ihr erlebe ich sie immer noch genauso konsequent und streitbar an der Seite der Pflegenden und der Pflege, so innovativ und vorausschreitend wie eh und je – abgesehen davon, dass ich eigentlich viel zu nervös bin, um wirklich kluge Fragen zu stellen.


Sie waren Frau der ersten Stunde, haben das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung (DNQP) mitgegründet (1999) und waren bis vor kurzem Mitglied im Lenkungsausschuss. Wie hat es angefangen?

Wir hatten bis zur Entwicklung der Expertenstandards keine eigene Fachlichkeit in den wirklich gravierenden Themen der Pflege, also zu den Themen, die in allen Sektoren von großer Bedeutung sind. Wir haben uns gefragt, wo es dazu internationale Vorbilder gibt und was wir dafür tun können, unsere eigene fachliche Expertise zu entwickeln. Und so haben wir uns rangetatstet. Ich weiß natürlich, dass die Expertenstandards nicht überall auf ungeteilte Liebe stoßen, aber – ich bin überzeugt davon: es gibt nichts Besseres! Wir müssen doch erstmal unsere eigene Fachlichkeit monodisziplinär entwickeln, bevor wir diese interdisziplinär einbringen. Natürlich haben wir vieles davon in der Freizeit gemacht: die Vor und Nachbereitung, die Konferenzen in Osnabrück, auch am Wochenende.

Wie hat sich das entwickelt?

Es gab damals keine eindeutigen Aussagen zu diesen Schwerpunktthemen in der Pflege und es gab auch keine Literaturrecherche dazu, was denn tatsächlich evidenzbasiert ist – damals fing man ja gerade erst an, über Evidenz zu diskutieren. Es gab das europäische Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege, aber auch dort gab es keine Expertenstandards. Wir hatten also keinerlei Vorbilder. Evidenz war uns wichtig – und Erfahrungswissen geprüft mit einzubeziehen. Man muss ja einen ersten Orientierungspunkt haben, einen Anker – und das ist die Erfahrung.

Expertenstandards sind als evidenzbasiertes Wissen die Grundlage für die Interventionen in der Pflegepraxis und für die Dokumentation. Foto: Martin Glauser, www.martinglauser.ch

So haben wir die Literatur ausgewertet: wo eine Evidenz nachgewiesen war, haben wir diese als Grundlage für die Expertenarbeitsgruppen genommen. Diese Gruppen erarbeiteten eine erste Fassung, die dann in einer Konsensuskonferenz den beruflich Pflegenden zur Verabschiedung vorgestellt worden ist. Das hat seinesgleichen gesucht – Sie müssen sich vorstellen, wie 600 Berufsangehörige, hochkompetente Menschen, das entstandene Produkt von allen Seiten beleuchten, kritisch, offensiv, auf hohem Niveau. Und die Inhalte der Expertenstandards haben davon profitiert. Das hat ein Niveau erreicht, das auch die Mediziner (die ja regelhaft dabei sind) bewundern.

Ja, man kann unterschiedliche Ansichten haben über einen Inhalt, Verlauf, über einen Prozess. Fakt ist: Man kann kein gutes Ergebnis (in der Pflege) erwarten, wenn man nicht einen gewissen Standard zugrunde legt. Was jetzt natürlich wichtig ist, ist eine kontinuierliche Überarbeitung, sodass man sagen kann, die Standards sind nach wie vor State of the art.


Die Expertenstandards sind immer wieder der Kritik ausgesetzt. Wie stehen Sie dazu?

Wir brauchen die Expertenstandards nach wie vor, auch wenn es viele Kritiker und Gegner gibt. In den Diskussionen mit den anderen Berufsgruppen, wenn es um interdisziplinäres Vorgehen geht, merkt man, dass unserer Standards hoch akzeptiert sind. Und: die Mediziner machen selbstverständlich ihre Leitlinien, da würde keiner auf die Idee kommen zu sagen, das ist Schwachsinn. Wir kamen alle aus der Qualitätsszene, wir orientierten uns am Qualitätsmodell Donabedians, an der Einheit aus Struktur, Prozess und Ergebnis. Die Kritik kommt oft von den Einrichtungen selbst: Wir stellen in den Expertenstandards hohe Anforderungen an sie. Aber - auch wenn etwas nicht gewährleitet werden kann von den Einrichtungen, dann ist es trotzdem so, dass es sein muss. Es geht darum, eine Vorlage zu bieten, die die Einrichtungen motivieren, sich damit zu befassen. Das Management kann nicht von den beruflich Pflegenden erwarten, dass sie Wunder vollbringen – mit unzureichender Infrastruktur! Expertenstandards sind inzwischen justiziable. Wenn Einrichtungen sich dessen bewusst sind, verantwortlich arbeiten wollen, müssen Sie ihren Mitarbeitern das entsprechende Material zur Verfügung stellen (auch z. B. Qualifikation). Als Problem kommt hinzu, dass sich nach wie vor fachfremde Disziplinen und Organisationen in fachinterne Entscheidungen einmischen, die ausschließlich die pflegerische Berufsgruppe betriff (ein Beispiel: die Generalistik) und unsere Berufsgruppe lässt es auch zu, ist z. T. überfordert mit dieser Machtdemonstration.


Woher kommen die Kritiker?

Die Arbeitgeber sind durch die Expertenstandards sehr in die Pflicht genommen – das ist ein Knackpunkt. In den Expertenstandards fordern wir die Qualifizierung aller Mitarbeiter für die Standards. Sie müssen sie nicht nur lesen, sondern auch verstehen und anwenden. Schließlich argumentieren die Pflegenden selbst vor dem MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen). Der MDK kontrolliert, er prüft nach. Und die Arbeitgeber sind in der Pflicht, diesen Anforderungen an die Qualifizierung nachzukommen, denn es hat Folgen für die Zertifizierung z. B.


Was sehen Sie als Brennpunkt der Pflege in den kommenden Jahren?

Ambulante Pflege – Pflege in den Heimen – im interdisziplinären Dialog, aber auch in der inhaltlichen Ausgestaltung. Wir sind aufgefordert worden, uns um die freiheitsentziehenden Maßnahmen (FEM) zu kümmern: das hat so große Auswirkungen und da wird so wenig hingeschaut – das ist jedoch ein Pflegethema! Die Pflege ist dafür verantwortlich. Man nimmt der Pflege vieles aus der Hand, sie haben aber in dem Punkt ihre eigene Verantwortung. Da haben wir noch sehr viel zu tun. Wir sehen die Entwicklungen der letzten Jahre im Krankenhaus – Personalmangel, Arbeiterdichtung, Technisierung. Pflege rückt vom Patientenbett ab…

Das ist so! Und wir müssen alles dafür tun, damit es sich ändert. Im Gegensatz zu den Medizinern hat Pflege keine Lobby und entfaltet zu wenig Macht. Pflege muss selbst mehr in Erscheinung treten. Diese Art der Pflege, nicht den Mund aufzumachen und alles hinzunehmen wie ein Gottesurteil, das ist unerträglich. Ich verstehe nicht, dass die Berufsgruppe an sich eine solche Leidensfähigkeit hat, das ist sehr schwer für mich anzuschauen, nach wie vor. Ich glaube, viele Dinge sind von uns einfach zu lange hingenommen worden. Es ist doch nicht in Ordnung, dass man im Nachtdienst alleine ist mit 30, 40, 50 Patienten, ständig weggerufen wird und gleichzeitig Medikamente richten soll. Ich wünsche der Pflege mehr Mut zum Handeln: wenn sie sich zusammentun, an einem Strang ziehen, aufbegehren, sich nicht einschüchtern lassen. Sie sind doch so begehrt auf dem Markt, sie haben doch nichts zu befürchten. Und diejenigen, die gehen, die kündigen – die tun es leise. Aber – wenn sie auf die Barrikaden gehen, dann wird das wahrgenommen!


Wo sehen Sie eine Lösung, die Pflege zu unterstützen?

Es ist gut, ab und an die Vogelperspektive einzunehmen – und natürlich die Fachlichkeit weiter zu stärken. Deswegen bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Expertenstandards unglaubliches bewirkt haben. Frau Prof. Doris Schieman muss dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen, sie hat das ganze initiiert und weiterentwickelt. Neben der Evidenz der Pflegetätigkeiten muss die Praxistauglichkeit gewährt bleiben. Das ist ein hoher Anspruch. Alle, die heute an den Expertenstandards mitarbeiten, sind fachlich so versiert, wissenschaftlich hoch gebildet. Da ist etwas entstanden, das ist aus meiner Sicht einfach großartig – die Fachlichkeit auszubauen und eine Patientenversorgung zu machen, die Sicherheit bietet, bei der man sich wohlfühlt, Mitarbeitende wie Patienten. bm

 

Expertenstandards in der Pflege – der Stand heute

Dekubitusprophylaxe in der Pflege (Konsultationsphase)
Entlassungsmanagement in der Pflege
Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen
Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen
Sturzprophylaxe in der Pflege
Förderung der Harnkontinenz in der Pflege
Pflege von Menschen mit chronischen Wunden
Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege
Förderung der physiologischen Geburt

 

 

 

  • Pflegewissenschaft
  • Ressort Pflege/Health professionals