Pflegebildung im deutschsprachigen Raum – Teil 2


Der Artikel informiert Sie im zweiten Teil über die unterschiedlichen Bildungssysteme der Pflege in Deutschland, Österreich und der Schweiz und zeigt auf, warum sich ein Blick ins nachbarschaftliche Ausland.

 

Pflegebildung in Deutschland


In Deutschland geht die berufliche Bildung einen Sonderweg zwischen den Ordnungsrahmen des Schulberufssystems und des dualen Systems. Die Berufsgesetze sowie die Ausbildungs- und Prüfungsgesetze unterliegen der Regelung des Bundes und dienen lediglich dazu, den Berufstitel zu schützen und Angaben zu machen zu Ziel, Dauer und Struktur der Ausbildung. Die inhaltliche Ausgestaltung obliegt den einzelnen Bundesländern wie auch die Schulform, in der die Ausbildung stattfindet. Dabei ist sie mehrheitlich dem Verantwortungsbereich der Gesundheits- und Sozialministerien und nicht dem Kultusministerium zugeordnet. Man kann daher davon ausgehen, dass die Ausbildung per se uneinheitlich ist. Trotz dieser Sonderstellung bleibt die Pflegeausbildung in Deutschland dem dualen System sehr nahe, mit einem hohen Anteil der Stunden in der Pflegepraxis (2.500 Stunden) und einem Wechsel zwischen Praxiseinsätzen und schulischem Unterricht (2.100 Stunden).


In Deutschland existieren zurzeit drei verschiedene berufliche Ausbildungen: Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege, der gemeinsame Zugangsweg ist eine zehnjährige Schulbildung. Diese Einteilung wie auch die schulische Vorqualifikation wird dem gesellschaftlichen Bedarf sowie den Anforderungen nicht mehr gerecht, der Deutsche Bildungsrat für Pflegeberufe (DBR) fordert seit langem eine generalistische Ausbildung. Neben diesen drei Ausbildungswegen bestehen unterschiedliche Helfer- beziehungsweise Assistenzausbildungen und seit Beginn der 1990er Jahre auch eine akademische Qualifikation an Fachhochschulen, die sowohl inhaltlich wie auch strukturell die gleiche Vielfalt zeigt wie die berufliche Ausbildung.

 

Im Jahr 2012 hat eine gemeinsam Arbeitsgruppe aus Mitgliedern von Bund und Ländern ein Eckpunktepapier vorgelegt, auf dessen Grundlage ein neues Pflegeberufegesetz entstehen soll (Weidner & Kratz, 2012, S. 11–15). Die wesentlichen Kernpunkte sind: ein einheitliches Pflegeberufegesetz mit einer generalistischen Pflegeausbildung und einer einheitlichen geschützten Berufsbezeichnung sowie eine neue akademische Pflegeausbildung. Die Pflegeausbildung in Deutschland verändert sich – vielleicht nicht so schnell wie erhofft und nicht so tiefgreifend wie angezeigt. Viele Fragen bleiben offen: das Verhältnis zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung, Einsatzzeiten und -felder und die Aufteilung der einzelnen Fachgebiete innerhalb der Ausbildungszeit.

 

Deutscher Bildungsrat für Pflegeberufe (Hrsg.)
Pflegebildung offensiv: Das Bildungskonzept des Deutschen Bildungsrates für Pflegeberufe "Eckpunkte" (Download PDF-Datei)

 

 


Pflegebildung in Österreich


Hat die klassische Ausbildung zur Krankenschwester in Österreich bald ausgedient? Eines steht zumindest fest: Wie kein anderes unserer drei Vergleichsländer wagt Österreich den Sprung einer grundlegenden Reform der Pflegeausbildung: Ab 2014 soll die Ausbildung an den Krankenpflegeschulen komplett an kooperierende Hochschulen gekoppelt werden. Damit bekommt die Ausbildung universitären Charakter. Von außen ist zurzeit nicht einsichtig, wie sich der Verlauf tatsächlich gestaltet und ob es nicht zunächst nur eine Pro-forma-Kooperation ist, in der die Schulen wie bisher die Verfahrenshoheit haben. Die gesetzlichen Regelungen sehen in Österreich die Pflege im klassischen dualen System mit drei verschiedenen Ausbildungsarten vor. Die duale Ausbildung erfolgt an Krankenpflegeschulen und an tertiären Ausbildungsstätten (Fachhochschulen oder Universitäten) (siehe Tabelle 2). Im Gegensatz zu Deutschland ist in Österreich das schulische System zu gleichen Teilen von Bund und Ländern föderal gesteuert, die Inhalte der Bildung liegen einheitlich in den Händen des Bundes. Das kann eine einheitliche Bildungssystematik sicherlich erleichtern.

Tabelle 2: Pflegeausbildung in Österreich (eigene Darstellung, in Anlehnung an Plessl-Schorn, 2014, S. 292)

 

2011 legt der Österreichische Berufsverband für Pflegeberufe (OEGK) ein Kompetenzmodell für Pflegeberufe in Österreich vor, das die Pflegelandschaft verändern will. Analog zu den fünf Qualifikationsstufen des „Nursing Care Continuum Framework and Competencies“ (ICN 2008) liegt hier ein ausgearbeitetes Konzept vor, das der Pflegebildung in Österreich die nötige Power gibt, den bekannten Anforderungen der Gesundheitsversorgung zu begegnen. Das Konzept definiert klare Rollen und Aufgabenprofile mit zugehörigen Kompetenzen. Verstärkend kommt hinzu, dass in Österreich ein Krankenpfleger mit am Tisch sitzt, wenn sich die Gesundheitspolitiker beraten – er vertritt die Berufsgruppe in allen Belangen, ein Fakt, der zumindest die deutsche Pflege mit Bewunderung erfüllt.

 

Herausgeber: Gesundheits- und Krankenpflegeverband (OEGKV)
Kompetenzmodell für Pflegeberufe in Österreich (Download PDF-Datei)




Pflegebildung in der Schweiz


Neidisch blicken die Berufsangehörigen der Pflege in Deutschland und Österreich auf ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen: Zwar arbeiten diese mehr Stunden, aber der Verdienst ist deutlich höher, äquivalent dazu auch der gesellschaftliche Status. Eine Vergleichsstudie (Oengel-Czekalski, 2015) ergab darüber hinaus, dass die Schweizer Pflegefachfrauen und -männer einen entscheidenden Schritt voraus sind in Bezug auf die Autonomie der beruflichen Tätigkeit: Die Umsetzung des Pflegeprozesses und die Anwendung der Pflegediagnostik sind selbstverständliche Instrumentarien einer tatsächlich professionellen (weil autonomen) Pflege. Zugewanderte deutsche und österreichische Pflegekräfte schwitzen beim Einstieg in die ihnen ungewohnte Autonomie, möchten sie nach kurzer Zeit aber nicht mehr missen. „Privat könnte ich mir vorstellen, nach Deutschland zurückzugehen, beruflich niemals!“, so ein deutscher Pflegefachmann aus Zürich. 2002 wurden die Gesundheitsberufe in die Berufsbildungssystematik des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) überführt. Daraus entstanden neue Berufsabschlüsse in der Pflege (siehe auch: www.odasante.ch/bildungssystematik/): Nach zweijähriger Ausbildung kann der Abschluss zum/zur „Assistent/-in Gesundheit und Soziales“ erworben werden, nach dreijähriger Ausbildung ist man „Fachfrau/-mann Gesundheit“ (FaGe). Diese Gruppe wächst stark an. Als „diplomierte Pflegefachfrau/-mann HF“ hat man eine dreijährige Ausbildung an einer Höheren Fachschule absolviert. Eine akademische Ausbildung erfolgt an Fachhochschulen oder (in Basel) an der Universität. Unklarheit herrscht über die Verteilung der Berufsaufgaben zwischen den beruflich qualifizierten (und oft auch weiterqualifizierten) Pflegefachkräften und den akademisch Qualifizierten.


Infolge der auch in der Schweiz besorgniserregenden Personalengpässe in der Pflege wurde 2010 der Masterplan Bildung Pflegeberufe ins Leben gerufen, eine Initiative von Bund und Kantonen, um sich den veränderten Gegebenheiten der Arbeitswelt anzupassen. Dazu gehören eine bedarfsgerechte Anzahl an Ausbildungsplätzen und eine Umsetzung der Bildungssystematik.



Fazit
Suchen wir den kleinsten gemeinsamen Nenner in der deutschsprachigen Pflege! Wir finden ein hohes berufliches Ethos, die humanistische Grundhaltung einer beziehungsbasierten Pflege und eine Pflege, die mit Fug und Recht als Kunst bezeichnet werden kann: kreativ, abwechslungsreich und vielfältig. bm

 

Literatur

  • ICN – International Council of Nurses (2008). Nursing Care Continuum Framework and Competencies. In: OEGKV 2011, S. 73 f.
  • DBR – Deutscher Bildungsrat für Pflegebildung (Hrsg.) (2009). Pflegebildung offensiv. Kurzfassung Bildungskonzept. Online unter: www.bildungsrat-pflege.de/de/index.php (Zugriff am 29.09.2016).
  • Lehmann, Y., Beutner, K., Karge, K., Ayerle, G., Heinrich, S., Behrens, J. & Landenberger, M. (2014). Bestandsaufnahme der Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen im europäischen Vergleich (GesinE). Herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Reihe Berufsbildungsforschung, Bd. 15. Bonn und Berlin: BMBF.
  • Ludwig, I., Steudter, E. & Hulsker, H. (2012). Die Mischung macht’s! – Erfahrungen mit neuen Berufsprofilen Pflege in der Schweiz. In: Qualifizierung in Gesundheits- und Pflegeberufen. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis. Gütersloh: Bertelsmann. Online unter: www.bibb.de/bwp-6-2012 (Zugriff am 29.09.2016).
  • Oengel-Czekalski, S. (2015). Professionalisierung der Pflege im Ländervergleich Deutschland & Schweiz. Arbeit zur Erlangung des Grades BA Pflegepädagogik (HS Ravensburg-Weingarten), unveröffentlichtes Manuskript.
  • OEGKV (2011). Kompetenzmodell für Pflegeberufe in Österreich. Online unter: www.oegkv.at/fileadmin/user_upload/Diverses/OEGKV_Handbuch_Abgabeversion.pdf (Zugriff am 29.09.2016).
  • Rottenhofer, I. & Stewig, F. (2012). Perspektiven der Pflege in Österreich. Differenzierung, Professionalisierung, Akademisierung. In: Padua, 7 (5), S. 240–244.
  • Weidner, F. & Kratz, T. (2012). Eine zukunftsorientierte Pflegebildung? In: Qualifizierung in Gesundheits- und Pflegeberufen. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis. Gütersloh: Bertelsmann. Online unter: www.bibb.de/bwp-6-2012 (Zugriff am 29.09.2016).

 

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