Tag der Pflege: Zum 200. Geburtstag von Florence Nightingale

Wir möchten die Wegbereiterin der modernen Krankenpflege würdigen und haben Zitate aus ihren „Bemerkungen zur Krankheitspflege“ ausgewählt. Sie zeigen eindrücklich: Die Zeiten haben sich zwar geändert, viele von Nightingales Anmerkungen sind aber noch heute gültig.

Statue zum Andenken an Florence Nightingale (London)
Statue zum Andenken an Florence Nightingale (London)

England im 19. Jahrhundert: Hygiene war ein Fremdwort

Die Industrialisierung in England bedeutete nicht nur Fortschritt, sondern auch Armut, Hunger und Verelendung von Millionen von Menschen. Das Leben in den überbevölkerten Vierteln der neuen Industriestädte hatte starken Einfluss auf die Lebenserwartung: In den Arbeiterklassen erreichten viele nicht das zwanzigste Lebensjahr.

Hygiene war ein Fremdwort: Verunreinigtes Trinkwasser, Müllhalden sowie stinkende Abwasser- und Abflussgruben gehörten zum Alltag und waren ein hervorragender Nährboden für Infektionskrankheiten.

Hospitäler in der damaligen Zeit waren häufig ein Ort des Schreckens – sie starrten vor Schmutz, und es stank bestialisch. Selbst die Armen versuchten, Aufenthalte in Krankenhäusern zu vermeiden, wo die Sterberaten erschreckend hoch waren. Angehörige der Ober- und Mittelklasse wurden meist zu Hause gepflegt. Um den Ruf des Pflegepersonals war es übel bestellt – es fehle ihm an gesundem Menschenverstand, die Ausbildung sei entweder mangelhaft oder gar inexistent.

Eine Infektion ist nicht unvermeidbar, sondern das Resultat von Nachlässigkeit und Dummheit

Das Buch „Bemerkungen zur Krankheitspflege“ („Notes on Nursing“, 1860) von Florence Nightingale schaffte Abhilfe und lieferte die nötigen Denkanstösse für eine gute Krankenpflege. (…) Für Florence Nightingale war Krankheit ein krankhafter Zustand, und eine Infektion erfolgte, wenn Krankheit verursachende Materie auf den Menschen übertragen wurde. Ihre Schlussfolgerung war, dass eine Infektion nicht unvermeidbar, sondern das Resultat von Nachlässigkeit und Dummheit war. Daher lautete ihr Credo: hygienische, präventive Massnahmen treffen.“ Die ausgewählten Zitate geben einen Einblick, wie sie sich diese – aber auch die Rolle der Krankenschwester – vorgestellt hat.

Notes on Nursing: Themen und Zitate

Zum Lüften und Wärmen

Das oberste Gebot der Krankenpflege, das A und O, auf das die Krankenschwester achten muß, das erste grundlegende Element für den Patienten, ist das folgende: DIE LUFT, DIE ER EINATMET, SO REIN ZU HALTEN WIE DIE LUFT DRAUSSEN, OHNE DASS ER SICH DABEI ERKÄLTET.

Belüftet also Euer Zimmer mit Luft von draußen, wenn möglich. Fenster sind zum Öffnen da, Türen zum Schließen – eine Wahrheit, die anscheinend außerordentlich schwierig zu begreifen ist.

Ein anderer besonderer Fehler ist, Nachtluft zu fürchten. Welche andere Luft könnten wir in der Nacht einatmen als Nachtluft? (…) In großen Städten ist die Nachtluft oft die beste und reinste, die man im Verlauf von 24 Stunden atmen kann.

Zur Gesundheit von Häusern

Fünf grundlegende Faktoren sind es, die gute gesundheitliche Verhältnisse in Häusern sicherstellen: 1. reine Luft, 2. sauberes Wasser, 3. ein leistungsfähiges Abflußsystem, 4. Sauberkeit, 5. Licht.

Wahre Krankenpflege nimmt von Infektion keine Notiz, außer, um sie zu verhindern. Sauberkeit und frische Luft von offenen Fenstern bei unermüdlicher Aufmerksamkeit gegenüber dem Patienten ist alles, was die wahre Krankenschwester zu ihrer Verteidigung verlangt oder braucht.

Weiser und menschlicher Umgang mit dem Patienten ist der beste Schutz gegen Infektion.

Zur Organisation im Alltag

Auf jeden Fall kann man sicher sagen, daß eine Krankenschwester nicht alles auf einmal und zur selben Zeit tun kann: sich um den Kranken kümmern, die Tür öffnen, ihre Mahlzeiten einnehmen, eine Nachricht überbringen.

Dem sei hinzugefügt: Der Versuch, all dies – obwohl unmöglich – zu verrichten, trägt stärker dazu bei, die Unruhe und Nervosität des armen Patienten zu steigern, als irgend etwas anderes.

Sorgt dafür, daß, wer auch immer in der Verantwortung steht – in der öffentlichen Einrichtung wie auch im Privathaus –, sie die eine einfache Frage in ihrem Kopf behält (nicht: Wie kann ich immer das Richtige selbst tun? Sondern:) Wie kann ich dafür sorgen, daß das Richtige immer getan wird?

Eine Krankenschwester sollte nichts anderes tun als zu pflegen. Wenn man eine Putzfrau will, so nehme man eine. Die Krankenpflege ist ein Spezialgebiet.

Wenn man eine Krankenschwester aussendet, muß man immer eine genaue Vereinbarung treffen, was ihren Schlaf angeht.

Über Geräusche

Findet (im Krankenzimmer, Anm. Red.) ein geflüstertes Gespräch (…) statt, so ist das vollends grausam. Es läßt sich nämlich nicht umgehen, daß der Patient seine Aufmerksamkeit unwillkürlich aufs Zuhören richtet und dadurch belastet wird. Auf Zehenspitzen zu gehen und dabei sehr langsam etwas im Zimmer zu tun, ist aus genau denselben Gründen verletzend. Ein fester, leichter, schneller Schritt, eine sichere, rasche Hand sind erforderlich, nicht der langsame, zögerliche, schlurfende Fuß, die furchtsame, unsichere Berührung.

Eine gute Krankenschwester wird immer darauf achten, daß keine Tür oder ein Fenster im Zimmer ihres Patienten klappert oder knarrt, daß kein Laden oder Vorhang, wenn der Wind sich dreht oder sich die Windstärke ändert, am offenen Fenster zu flattern anfängt – insbesondere wird sie sorgfältig auf all dies achten, bevor sie ihre Patienten für die Nacht verläßt.

Alles, was Ihr in einem Krankenzimmer tut, nachdem er für die Nacht „zurechtgemacht ist“, erhöht für ihn das Risiko auf eine schlechte Nacht um das Zehnfache. Aber wenn Ihr ihn aufweckt, nachdem er eingeschlafen ist, riskiert Ihr nicht eine schlechte Nacht, sondern Ihr sichert sie ihm.

Zur Nahrungsaufnahme

Wenn möglich, sollte ein Patient nicht das Essen anderer sehen oder riechen, und auch keine größere Nahrungsmenge, als er selbst auf einmal zu sich nehmen kann. Nicht einmal hören sollte er, wie über Nahrung gesprochen wird, oder sie in rohem Zustand sehen. Ich kenne keine Ausnahme zu dieser obengenannten Regel.

Je eher ein Kranker während der Mahlzeit allein bleiben kann, desto besser. Das steht außer Frage. Und selbst wenn er gefüttert werden muß, sollte die Krankenschwester ihm nicht erlauben zu sprechen, oder selbst während des Essens zu ihm sprechen, insbesondere über die Kost.

Eine Krankenschwester sollte niemals einem Patienten saure Milch, Fleisch oder Suppe, die schlecht geworden sind, ein faules Ei oder nicht ausreichend gekochtes Gemüse vorsetzen.

Welche Nahrung?

Doch wenn Ihr bedenkt, daß der einzige Tropfen wirklicher Ernährung im Tee Eurer Patienten der Tropfen Milch ist, und wie sehr fast alle englischen Patienten auf ihren Tee angewiesen sind, werdet Ihr sehen, daß es sehr wichtig ist, Euren Patienten diesen Tropfen Milch nicht vorzuenthalten.

Ich würde deshalb sagen, daß die vergleichsweise allerwichtigste Aufgabe der Krankenschwester ist – nachdem sie sich um die Luft des Patienten gekümmert hat –, mit Sorgfalt die Auswirkungen seiner Ernährung zu beobachten und dem betreuenden Arzt darüber Bericht zu erstatten.

Ich wäre sehr froh, wenn diejenigen, die den Tee schmähen, darlegen würden, was man denn einem englischen Patienten nach einer schlaflosen Nacht statt Tee geben könnte.

Die einzigen mir bekannten englischen Patienten, die Tee ablehnten, waren Typhuskranke, und das erste Anzeichen, daß es ihnen besser ging, war ihr erneutes Verlangen nach Tee.

Über das Bett und Bettzeug

Man hält im allgemeinen Fiebrigkeit für ein Symptom des Fiebers – in neun von zehn Fällen ist es ein Symptom des Bettens.

Eine richtige Krankenschwester wird immer das Bett ihres Patienten selbst machen und dies nicht dem Hausmädchen überlassen. In gut organisierten Krankensälen macht die Oberschwester (oder „Sister“) die Betten bei ihren schlimmsten Fällen selbst, und sie ist immer diejenige, die auf der Station die Betten am besten machen kann. Wenn Ihr bedenkt, wie wichtig der Schlaf für die Kranken ist, wie notwendig ein gut gemachtes Bett ist, damit sie schlafen können, so werdet Ihr diesen wesentlichen Teil Eurer Aufgaben niemand anderem überlassen.

Zum Licht

Ihr Bedürfnis (das der Kranken, Anm. Red.) nach Licht steht nur ihrem Bedürfnis nach frischer Luft nach; nach einem stickigen Zimmer ist das, was sie am meisten schädigt, ein dunkler Raum, und es ist nicht nur Licht, sondern direktes Sonnenlicht, das sie benötigen.

Deshalb sollten sie (die Kranken, Anm. Red.) dazu in der Lage sein – wenn Ihr ihnen nichts anderes zeigen könnt –, von ihren Betten aus zumindest Himmel und Sonnenlicht zu sehen, ohne sich aufzurichten oder sich im Bett zu drehen. Ich versichere Euch: Das kommt, wenn es für ihre Genesung nicht das Allerwichtigste ist, diesem doch sehr nahe.

Sauberkeit von Zimmern und Wänden

„Abstauben“ bedeutet heutzutage nichts anderes, als bei geschlossenen Türen und Fenstern den Staub von einem Abschnitt des Zimmers zum anderen zu wedeln. Wozu Ihr das tut, leuchtet mir nicht ein.

Ohne Sauberkeit kann das Lüften nicht seine volle Wirkung entfalten, und ohne Lüften bekommt man keine gründliche Sauberkeit. Nur wenige Leute, welche Klasse der Gesellschaft auch ihr sozialer Hintergrund sei, haben irgendeine Ahnung von der enormen Sauberkeit, die im Krankenzimmer vonnöten ist.

„Was man nicht heilen kann, muß man ertragen“, ist der allerschlimmste und gefährlichste Leitsatz für eine Krankenschwester, der jemals aufgestellt wurde. Geduld und Resignation sind bei ihr nur andere Ausdrücke für Achtlosigkeit oder Gleichgültigkeit – verachtenswert im Hinblick auf sie selbst, schuldhaft im Hinblick auf ihre Kranken.

Zur Sauberkeit des einzelnen Patienten

Läßt sie (die Krankenschwester, Anm. Red.) zu, daß ihre Kranken ungewaschen bleiben, oder daß sie ihre mit Schweiß oder anderen Ausscheidungen gesättigte Kleidung anbehalten, so greift sie genauso schädigend in die natürlichen, in gesundem Zustand ablaufenden Prozesse ein, wie wenn sie dem Patienten eine Dosis langsam wirkenden Gifts über den Mund verabreichen würde. Über die Haut vergiftet man ihn nicht weniger sicher als über den Mund – die Wirkung tritt nur langsamer ein.

Über schwatzhaft ausgesprochene Hoffnungen und Ratschläge

Ich möchte alle Freunde, Besucher und Betreuer von Kranken ganz dringend auffordern, von diesem häufig unternommenen Versuch abzulassen, den Kranken „aufzuheitern“, indem man ihre Gefährdung gering nennt und die Wahrscheinlichkeit ihrer Genesung übertreibt.

Es scheint unnötig zu sagen, daß man keinen Vergleich zwischen alten Männern mit Wassersucht und jungen Frauen mit Schwindsucht ziehen kann. Doch man hört, daß die klügsten Männer und die klügsten Frauen solche Vergleiche ziehen und dabei Geschlecht, Alter, Krankheit und Ort – in der Tat alle Bedingungen, die für die Frage wesentlich sind – völlig ignorieren. Es ist das reinste Geschwätz!

Kein Hohn ist so hohl wie die Ratschläge, mit denen die Kranken überschüttet werden.

Wie wenig man die wirklichen Leiden von Krankheit kennt oder versteht! Wie wenig kann ein gesunder Mensch, sogar eine Frau, sich in das Leben eines Kranken hineinversetzen!

Ein kleines Lieblingstier ist oft eine hervorragende Gesellschaft für den Kranken, insbesondere für die langen chronischen Fälle. Ein Vogel in einem Käfig ist manchmal die einzige Freude für einen Kranken, der jahrelang auf sein Zimmer beschränkt ist. Wenn er das Tier selbst füttern und sauberhalten kann, sollte er immer dazu ermutigt und dabei unterstützt werden. Ein Kranker, der von der Pflege durch eine Krankenschwester und einen Hund berichtete, bevorzugte unermeßlich die des Hundes: „Vor allem, er redete nicht.“

Kranke beobachten

Die Leute haben zweierlei Ansichten über die Krankenpflege: Die einen betrachten sie als störende und nutzlose Plage (was sie zu oft ist), so daß sie so wenig wie möglich davon bekommen wollen; die anderen betrachten sie als „Geheimnis“. (…) Nun, es gibt überhaupt kein „Geheimnis“ bei der Sache. Gute Krankenpflege besteht einfach darin, die kleinen Dinge, die allen Kranken gemeinsam sind, zu beobachten, genauso wie diejenigen, die jedem einzelnen kranken Individuum eigen sind.

(S)ie (die Krankenschwester, Anm. Red.) darf keine Klatschbase sein, keine leere Schwätzerin; sie sollte niemals Fragen über ihren Kranken beantworten, lediglich denen, die ein Recht dazu haben, sie zu stellen; sie muß, dies brauche ich nicht zu erwähnen, strengstens nüchtern und ehrenhaft sein; aber darüber hinaus muß sie eine religiöse und hingebungsvolle Frau sein; sie muß Achtung vor ihrer eigenen Berufung haben, weil Gottes kostbares Geschenk des Lebens oft im wahrsten Sinne des Wortes in ihre Hand gelegt wird; sie muß eine gute, genaue und schnelle Beobachterin sein, und ebenso eine Frau mit Feingefühl und einem Gespür für das, was sich ziemt.

Zusammenstellung der Zitate Redaktion NOVAcura mit der freundlichen Genehmigung des Mabuse Verlags.Die einleitenden Worte über den historischen Hintergrund stammen von Susanne Lauri, Hogrefe Verlag, Bern.


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