Physiotherapie als Wissenschaft

Eine neue Publikation im Programmbereich Health Profession Care

Die Beschäftigung mit sogenannter Theorie hat für praktisch Arbeitende oft den Anschein von "Verstaubtem" - von etwas was man nicht braucht oder was eventuell sogar vom guten Handwerk ablenkt. Damit ist die Physiotherapie in guter Gesellschaft einer kulturell stark verwurzelten Dualität zwischen Theorie und Praxis, die -  je nach Perspektive - zudem eine Bewertung von gut und schlecht oder von minder- und höherwertig erfährt.

Die deutsche Physiotherapie ist einerseits durch ihre Geschichte und Verortung im System medizinischer Versorgung als ärztlicher Assistenz- bzw. Heil- und Hilfsberuf geprägt. Andererseits ist die Physiotherapie aktuell auch im deutschsprachigen Raum auf dem Weg, sich in den internationalen Diskurs um eine Disziplinwerdung einzubinden. Dadurch werden die Voraussetzungen für eine Professionalisierung des Berufes geschaffen.

Dazu gehört:

  • Nachweis der Evidenz physiotherapeutischer Maßnahmen
  • Generierung von Wissen (durch klinische Forschung, Grundlagenforschung, Versorgungsforschung)
  • wissenschaftliche Grundlagen eines spezifischen physiotherapeutischen Denkens als Fundament der Profession
  • begründete gesellschaftliche Relevanz
  • Akademisierung der Therapieberufe parallel zum Wandel im Gesundheitssystem

Wie reagiert die Physiotherapie auf die neuen Anforderungen?

Diese neuen Anforderungen sind längst bekannt. Sie reichen von den Veränderungen im Krankheitsspektrum (Chronifizierung und Multimorbidität) bis hin zur Dynamik des Wandels in der Gesundheitsversorgung, am eindrücklichsten erkennbar bei der fortschreitenden Digitalisierung mit weitreichenden Folgen für die Gestaltung der Arbeitsprozesse der Menschen. Die Physiotherapie steht vor der Aufgabe, sich diesen Anforderungen zu stellen und anzupassen. Das Buch soll dabei eine Lücke schließen und den gegenwärtigen Prozess der Verwissenschaftlichung der Physiotherapie konsequent unterstützen. Die Publikation ist auch politisch, denn sie ermöglicht, einen solchen Beitrag in einer Zeit zu veröffentlichen, in der Weichen für den begonnenen Prozess der Akademisierung der Physiotherapie gestellt werden.

Ziel der Publikation

Das Buch soll im Verständnis eines Handbuches als Grundlage dienen für eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung in der Physiotherapie. Es bietet somit der noch jungen Physiotherapiewissenschaft im deutschsprachigen Raum Orientierung. Die Publikation bildet die Brücke zwischen unterschiedlichen Bereichen der Physiotherapie: z.B. Disziplin und Profession, Ausbildung und Theorie, Physiotherapie und Gesellschaft bzw.  Ethik und Handeln. Hervorzuheben ist, dass es nicht nur die einzelnen Modelle und die Theorie vorstellt, sondern auch  deren Potenzial im Hinblick auf die neuen Anforderungen und die Praxis der Physiotherapie diskutiert.

Aufbau, Struktur, Autoren

Kapitel 1: Heidi Höppner und Robert Richter geben einen Einblick in die begrifflichen Deutungen von Theorien und Modellen als Denkwerkzeuge.

Kapitel 2 und 3: Robert Richter und Ina Thierfelder stellen die Movement Continuum Theory der kanadischen Kolleginnen und Kollegen um Cheryl Cott vor und diskutieren kritisch die empirischen Zugänge.

Kapitel 4: Petra Kühnast greift das in Finnland entstandene Modell des "paradigm-oriented approach in physiotherapy" auf und fragt nach seinem Einfluss.

Kapitel 5: Aus den Niederlanden transferieren Marietta Handgraaf und Christian Grüneberg das "Mehrdimensionale Belastungs- und Belastbarkeitsmodell", welches im Curriculum der Hochschule für Gesundheit Bochum Eingang gefunden hat.

Kapitel 6: Annette Probst stellt ihr Modell der Menschlichen Bewegung vor und diskutiert dieses zehn Jahre nach Erstpublikation.

Kapitel 7: Rüdiger Hoßfeld stellt das Neue Denkmodell von Hüter-Becker in der Physiotherapie vor, analysiert seinen Nutzen für die Praxis und seine wissenschaftliche Reichweite.

Kapitel 8 und 9: Aus Kanada und Neuseeland wird der Originalbeitrag zur Konzeption von Körper in der Physiotherapie zur Verfügung gestellt und kritisch von der Autorin Barbara Gibson und dem Autor David Nicholls reflektiert.

Kapitel 10: Heidi Höppner stellt erstmalig ihre Leitvision im Sinne einer "Inklusiven Physiotherapie" vor.

Kapitel 11: Katharina Scheel arbeitet ein ethisches Modell des Homo movens empirisch heraus.

Kapitel 12: Meike Meewes Blick lenkt die Frage auf den Transfer und Nutzen von Theorie im Kontext von Ausbildung.

Kapitel 13: Robert Richter greift die gelingende Gestaltung einer Theorie-Praxis-Beziehung auf.

Am Ende fordern Höppner und Richter den Diskurs zu notwendigen Entwicklungen in der Physiotherapie des 21. Jahrhunderts. Das vorgelegte Handbuch kann als Ausgangspunkt genutzt werden.

Herausgeberin und Herausgeber

Prof. Dr. rer. pol. Heidi Höppner M.P.H.

Physiotherapeutin und Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin, Professorin für Physiotherapie mit dem Schwerpunkt Förderung der Gesundheit und Teilhabe. Seit 2002 Professorin an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (FH Kiel, Alice Salomon Hochschule Berlin). Seit Jahren engagiert für eine konsequente Akademisierung der Gesundheitsfachberufe in Deutschland im Kontext der gesellschaftlichen Anforderungen. Mitglied in verschiedenen Organisationen und Expertengruppen. Aktuelle Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Theoriebildung, Kooperation / Interprofessionalität, Bewegungsentwicklung und -kontrolle und therapeutische Beziehung. Kontakt: hoeppner@ash-berlin.eu

 

Prof. Dr. Robert Richter

Physiotherapeut und Dipl. Medizinpädagoge, Professur für Bewegungstherapie an der Hochschule Furtwangen, Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Verwissenschaftlichung der Physiotherapie, didaktische Konzepte zur wissenschaftlichen Qualifikation von Therapeuten, Beziehung zwischen Wissenschaft und Profession, funktionelle und Anatomie in vivo/Biomechanik, patientenbezogene Aspekte der Bewegungstherapie, Kontakt: rob@hs-furtwangen.de

 

  • Health Profession Care
  • Ressort Pflege/Health professionals