Pflegebildung im deutschsprachigen Raum – Teil 1

 

Als Beruf und als Profession erfüllt Pflege eine Dienstleistung an der Gesellschaft. Verändert sich die Gesellschaft, verändert sich auch der Bedarf an Pflege. Welche Bildung braucht die Pflege, um diesem Bedarf gerecht zu werden? Bei dieser Frage scheiden sich die Pflegegeister, inländisch wie ausländisch.

Der Artikel informiert Sie zum Thema in zwei Teilen:
Teil 1: Einführung und Fazit
Teil 2: Bildungssysteme der Pflege in Deutschland, Österreich und Schweiz


Die doppelte Herausforderung durch den demografischen Wandel, die Heterogenität der Abschlüsse und stetige Reformprozesse scheint das verbindende Glied in der deutschsprachigen Pflegebildung zu sein. Vor diesem Hintergrund spiegeln sich die komplexen und zum Teil schwer durchschaubaren Verhältnisse wider, die in der Pflegepraxis der drei Länder erlebt werden: Dem veränderten Krankheitspanorama einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft stehen immer weniger Pflegende gegenüber. Deren Bildung kennzeichnet ein Mix aus unterschiedlichen Abschlüssen und Fertigkeiten. In allen Ländern setzte sich das Bestreben durch, klare Rollen- und Aufgabenprofile zu entwickeln und somit die Fähigkeiten zu klären, die mit jedem der Bildungsabschlüsse verbunden sind. Des Weiteren zeugen zahlreiche Arbeiten von dem langen Weg, die Begrifflichkeiten zu klären, die der Pflegebildung zugrunde liegen: Was ist ein Beruf? Was ist eine Profession? Was ist das Spezifische der Pflege? Welche Kompetenzen brauchen Pflegende für welche Tätigkeit? Eine professionstheoretische Auseinandersetzung muss mit Verweis auf die Literatur (bei der Autorin) an dieser Stelle unterbleiben, dient jedoch immer als Grundlage für die nachfolgenden Ausführungen. Nach Lehmann et al. (Studie GesinE, 2014, S. 27) vermittelt berufliche Bildung «in erster Linie praktische Fertigkeiten und Kenntnisse, die sie [die Berufsangehörigen; Anmerkung der Autorin.] für die Arbeit in einem bestimmten Beruf oder Berufsfeld benötigen.» Zusätzlich beziehungsweise in Ergänzung dazu existiert in jedem der Länder seit Jahren eine akademische Bildung der Pflege an Hochschulen, verbunden mit der Hoffnung, Pflege als Profession zu stärken, ihren autonomen Handlungsbereich zu definieren und dadurch ihren gesellschaftlichen Einfluss sichtbarer zu machen.

 

Ausbildung im Ländervergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

In allen drei Ländern bildet Pflege die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Analog zum Versorgungsmodell von Hirschfeld (2000) ist sie in allen Settings tätig, auf allen Ebenen der Gesundheitsversorgung. Pflege betreut Menschen aller Altersgruppen, in jedem Stadium ihres Lebens und bei allen gesundheitlichen Einschränkungen. In der Pflege spiegeln sich die gesellschaftlichen Verhältnisse wider: Krankheit kann die betroffenen Menschen marginalisieren und exkludieren. Angesichts dieser Krankheitsprozesse zeigt sich Pflege in einer Gegenbewegung dazu: Ihre Handlungen führen den Menschen in die soziale Teilhabe zurück. Kompetenzen dazu erwerben die Pflegefachkräfte in Bildungsgängen, die so verschieden sind, dass Pflege eine äußerst heterogene Berufsgruppe ist und bleibt. Dies wird sich weiter verstärken (Lehmann et al., 2014, S. 143) durch Auslagerung der Tätigkeiten sowie Deprofessionalisierung in den Assistenzberufen wie auch durch eine Professionalisierung auf akademischem Niveau. Der ICN hat auf diese Situation reagiert und in einem Rahmenpapier fünf Qualifikationsstufen innerhalb des Pflegepersonals definiert (siehe Tabelle 1). Die beruflichen Ausbildungen in der Pflege sind demnach auf der dritten Stufe angesiedelt. In einer dreijährigen Ausbildung werden Pflegefachpersonen befähigt, die Versorgungsprozesse eigenverantwortlich zu steuern und die Betreuung von Menschen analog zu Hirschfelds Modell zu gestalten.

 

Tabelle 1: Qualifikationsstufen in der Pflege (eigene Darstellung, nach ICN, 2008)

 

 

Vorläufige Schlussbetrachtung

Wie viel Einheit braucht die Pflegebildung, wie viel Vielfalt verträgt sie? Krankheiten mögen vereinheitlicht werden können, das Kranksein niemals. So bleibt im Erleben des Krankheitsprozesses der Mensch in seiner subjektiven, individuellen Lebenskunst einzigartig, wie auch die Pflege in dieser Hinsicht einzigartig agiert und reagiert. Pflegebildung heißt Persönlichkeitsbildung! Das ist schwer zu systematisieren und noch schwerer zu lehren.
Im Feld zeigen sich die Auswirkungen der Bildungssystematiken der Länder: Hier prallen bahnbrechende Innovationen auf hartnäckige Traditionen und die ökonomische Standardisierungswelle bricht sich an der Eigensinnigkeit menschlichen Leids. Bildung dient als Mediatorin der Ambiguität pflegerischer Tätigkeit. In der Pflegebildung Tätige unterstützen Lernende, dem Widersprüchlichen und Mehrdeutigen der Pflegepraxis und -theorie zu begegnen, indem sie Deutungsmuster hinterfragen, diskutieren, aber auch anbieten und damit Sicherheit vermitteln. Lernende Menschen sollen ein fachliches und menschliches Rückgrat erwerben, um in den Anforderungen des Berufs nicht Kopf und Herz zu verlieren. Die Zielvorgaben sind klar: Es geht darum, eine bedarfsgerechte Versorgung mit Pflege zu sichern, und dies vor dem Hintergrund der veränderten gesellschaftlichen Anforderungen.
Nichts ist schwerer vorhersagbar als die Zukunft! Trotz düsterer Prognosen weiß niemand genau, wie sich unsere Gesellschaften entwickeln werden. Angesichts der verheerenden Zahlen in Bezug auf den Anstieg der Pflegebedürftigkeit bei gleichzeitigem Pflegenotstand scheint der Weg vorgezeichnet. Trotzdem mag hier ein skeptischer Hinweis angebracht sein: Gesellschaft verändert sich vielleicht nur langsam im Großen, im Kleinen sind es aber all jene individuellen Leben, die das Räderwerk der Systeme am Laufen halten. Und wenn ich da mal ein kleines Steinchen rein werfe? bm


Literatur

  • ICN – International Council of Nurses (2008). Nursing Care Continuum Framework and Competencies. In: OEGKV 2011, S. 73 f.
  • DBR – Deutscher Bildungsrat für Pflegebildung (Hrsg.) (2009). Pflegebildung offensiv. Kurzfassung Bildungskonzept. Online unter: www.bildungsrat-pflege.de/de/index.php (Zugriff am 29.09.2016).
  • Lehmann, Y., Beutner, K., Karge, K., Ayerle, G., Heinrich, S., Behrens, J. & Landenberger, M. (2014). Bestandsaufnahme der Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen im europäischen Vergleich (GesinE). Herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Reihe Berufsbildungsforschung, Bd. 15. Bonn und Berlin: BMBF.
  • Ludwig, I., Steudter, E. & Hulsker, H. (2012). Die Mischung macht’s! – Erfahrungen mit neuen Berufsprofilen Pflege in der Schweiz. In: Qualifizierung in Gesundheits- und Pflegeberufen. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis. Gütersloh: Bertelsmann. Online unter: www.bibb.de/bwp-6-2012 (Zugriff am 29.09.2016).
  • Oengel-Czekalski, S. (2015). Professionalisierung der Pflege im Ländervergleich Deutschland & Schweiz. Arbeit zur Erlangung des Grades BA Pflegepädagogik (HS Ravensburg-Weingarten), unveröffentlichtes Manuskript.
  • OEGKV (2011). Kompetenzmodell für Pflegeberufe in Österreich. Online unter: www.oegkv.at/fileadmin/user_upload/Diverses/OEGKV_Handbuch_Abgabeversion.pdf (Zugriff am 29.09.2016).

 


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