Psychiatrische Pflege: Umgang mit Stress

Das Pflegepersonal in psychiatrischen Kliniken muss mit vielen Stressoren umgehen. Unser Autor reflektiert den Alltag in der Psychiatrie und die emotionalen Auswirkungen auf die Pflegenden. Von Christoph Müller

Eine ganz gewöhnliche Geschichte: Die 28-jährige Sabine ist eine psychiatrisch Pflegende in einer psychiatrischen Klinik mitten in Deutschland. Sie arbeitet 39 Stunden in der Woche auf einer allgemeinpsychiatrischen Station. Psychotiker und Maniker erlebt sie während des beruflichen Alltags genauso wie depressive und suchtkranke Menschen. Die Arbeit nagt an der jungen Frau. Denn nicht nur die Vielfalt der psychisch veränderten Menschen kostet Sabine Kraft. Es sind die Rahmenbedingungen, die Kräfte kosten. Sie macht ständig Schaukeldienste. Vor freien Wochenenden muss sie Spätdienste oder häufig auch Nachtdienste machen. Vor einiger Zeit hat sie einen aggressiven Übergriff eines psychotisch verkennenden Menschen erlebt, der ihr Angst gemacht hat.

Sabine ist als ein Beispiel dafür, was viele psychiatrisch Pflegende erleben. Die Anforderungen an die Handelnden werden größer. Stress wird zu einem ständigen Wegbegleiter. Möglichkeiten, den Stress als alltägliches Phänomen bewältigen zu können, sind begrenzt. Psychiatrisch Pflegende sind auf den eigenen Überlebenswillen und die eigene Widerstandskraft angewiesen, um den einen oder anderen Weg aus dem Dilemma zu finden.

Pflege der Pflegenden im Arbeitsalltag

Wie kann die Pflege der Pflegenden angesichts schwieriger Alltagssituationen gelingen? In Anlehnung an den französischen Soziologen Michel Foucault bringt der Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid den Begriff der „Selbstsorge“ in den Diskurs ein. Er fragt den zeitgenössischen Menschen, ob er es schafft, mit sich selbst befreundet zu sein. Er wünscht den Menschen der Gegenwart, dass eine sensible Selbstaufmerksamkeit und Pflege seiner selbst zum Bestandteil einer Selbstkultur werden. Aufmerksamkeit erscheine als eine der wichtigsten, zugleich eine der knappsten, mithin umstrittensten Ressourcen unter Menschen, glaubt Schmid (Schmid, 2004, 74).

Aufmerksamkeit ist im psychiatrischen Alltag ein heiß begehrtes Gut. Psychisch veränderte Menschen, die wegen einer akuten Krise in die Klinik gekommen sind, wünschen sich Gespräche und Gelegenheiten zur gemeinsamen Freizeitgestaltung mit psychiatrisch Pflegenden. Aufmerksamkeit hat gewöhnlich etwas Gegenseitiges. In der wechselseitigen Aufmerksamkeit wird die Authentizität der beteiligten Menschen offensichtlich.

Emotionen als Gradmesser für das gute Leben

Was bedeutet Echtheit für einen psychiatrisch Pflegenden? Im Sinne der Selbstaufmerksamkeit geht es um die Sensibilität für die eigenen Emotionen. Die eigenen Emotionen sind ein Gradmesser dafür, wie sehr nicht nur das eigene Leben, sondern auch die Begleitung psychisch veränderter Menschen gelingen kann.

In der phänomenologischen Philosophie wird der Begriff der Atmosphäre diskutiert. Die Atmosphäre nimmt den ganzen Menschen mit. Die Atmosphäre hängt mit den leiblichen Sinnen zusammen. Auch der psychiatrisch Pflegende wird beeinflusst von den olfaktorischen und visuellen, den auditiven und taktilen Wahrnehmungen.

Eine psychiatrische Station kann für den begleiteten und den begleitenden Menschen eine Herausforderung auf der Ebene der Atmosphären sein. Es gibt unzählige Stressoren, die das subjektive Erleben der begleiteten und begleitenden Menschen beeinflussen. Was mag es für einen dementiell veränderten Menschen bedeuten, der möglicherweise noch ein psychotisches Erleben erfährt, wenn Geräusch-Quellen wie Radio-Geräte oder Fernseher im Tagesraum eingeschaltet sind? Wie soll ein Mensch mit depressivem Erleben darauf reagieren, wenn um ihn herum an einem Gemeinschaftstisch lebhaft gespielt wird? Wie kann eine psychiatrisch Pflegende damit umgehen, dass sie permanent unzähligen Reiz-Quellen ausgesetzt ist und ganz individuell auf die Vielzahl psychiatrischer Symptome reagieren soll?

Verantwortung für Entscheidungen übernehmen

Es scheint der Zeitpunkt zu sein, aus dem persönlichen Paradigma „… ich muss …“ ein „… ich will …“ zu machen. Sabine steht an einem Ort, wo Entscheidungen zu treffen sind. Sie muss für sich klären, was sie beruflich machen will. Sie muss sich die Frage stellen, welchen äußeren Rahmen diese Arbeit haben muss, damit sie mit der eigenen Psyche überleben kann. Strobel formuliert es treffend: „Die individuelle Stressdisposition lässt sich positiv beeinflussen, wenn Sie bereit sind, die Verantwortung für Ihre Entscheidungen zu übernehmen.“ (Strobel, 2015, 56)

Dies ist ganz im Sinne der Schmidschen Leitidee der Selbstsorge. Er ist der Meinung, dass die Ethik der Sorge für Andere nicht mit einer Aufopferung des eigenen Selbst einhergehen dürfe. Pflege sei eine so anstrengende Tätigkeit, „dass sie reicher Ressourcen bedarf, um geleistet werden zu können“, so Schmid (Schmid, 2016, 121).

Die „Pflege der Pflegenden“ in der psychiatrischen Arbeit kann nur gelingen, wenn die Betroffenen sich die Frage nach der eigenen Balance und der Wechselseitigkeit in Beziehungen stellen. Es erscheint als mühsames Projekt, sich auf den Weg nach einem Geben und Nehmen zu machen. In der Begegnung mit psychisch veränderten Menschen kann dies heißen, mehr auf Einsicht statt auf Aufsicht zu setzen. Im Umgang mit sich selbst geht es um das Maßhalten.

Literatur

Böhme G. (2013). Atmosphäre - Essays zur neuen Ästhetik. Berlin: Suhrkamp.

Schmid W. (2016). Das Leben verstehen - Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schmid W. (2004). Mit sich selbst befreundet sein - Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Strobel I. (2015). Stressbewältigung und Burnoutprävention - Einzelberatung und Leitfaden für Seminare. Stuttgart: Haug.

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Christoph Müller,
psychiatrisch Pflegender, Redakteur der Fachzeitschrift Psychiatrische Pflege (Hogrefe-Verlag), Fachautor

Kontakt: arscurae@web.de


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