ADHS: Selbstkontrolle trainieren und Schulleistungen verbessern

Bessere Selbstkontrolle führt zu besseren Noten. Wir erklären den Zusammenhang und zeigen, wie Kinder Selbstkontrolle mit Wenn-Dann-Plänen trainieren können. Von Andrea Wirth, Tilman Reinelt, Caterina Gawrilow und Wolfgang A. Rauch

Lehererin mit Schüler beim Erstellen eines Wenn-Dann-Plans
Das Erstellen von Wenn-Dann-Plänen verbessert die Selbstkontrolle.

Schulleistungen bei Kindern mit ADHS

Kinder mit ADHS haben meist schlechtere Schulleistungen als Kinder ohne ADHS. Dieser Unterschied zeigt sich in Zeugnisnoten, Eltern- und Lehrerberichten und in objektiven Schulleistungstests wie beispielsweise standardisierten Lese- und Mathematiktests. In der Folge verlassen Jugendliche mit ADHS die Schule oft mit schlechteren Abschlüssen als Gleichaltrige ohne ADHS. Ihre akademischen Leistungen sind dabei schlechter als aufgrund ihrer Intelligenz zu erwarten gewesen wäre.

Selbstkontrolle bei Kindern mit ADHS

Ein möglicher Erklärungsansatz für dieses schulische Underachievement (Minderleistung) von Kindern mit ADHS ist mangelnde Selbstkontrolle. Selbstkontrolle ist notwendig, um automatisch auftretende Reaktionsimpulse zu unterdrücken und zu modifizieren. Sie ermöglicht die Kontrolle der eigenen Gedanken, Impulskontrolle, Emotionsregulation, Handlungspersistenz und die Überwachung von Leistungen sowie eine Überwindung unerwünschter Gewohnheiten.

Selbstkontrolle von Exekutiven Funktionen abgrenzen

Selbstkontrolle ist von Exekutiven Funktionen (EF) abzugrenzen. EF sind kognitive Prozesse zur Steuerung und Überwachung von Denken und Handeln, wie beispielsweise kognitive Flexibilität, die Aktualisierung von Arbeitsgedächtnisinhalten und Verhaltensinhibition. Die Leistung in EF bezieht sich auf sehr kurze Zeiträume im Sekunden- oder Millisekundenbereich. Selbstkontrolle dagegen ist besonders auch bei der Bearbeitung längerfristiger Aufgaben oder der Überwindung unerwünschter Gewohnheiten nötig. Sie umfasst zusätzlich zu rein kognitiven EF-Fähigkeiten auch Aspekte der Motivation und Volition, der willentliche Umsetzung von Zielen. Damit ermöglicht sie eine kontinuierliche Anstrengung auch bei länger andauernden Aufgaben.

Für gute Schulleistungen ist Selbstkontrolle womöglich wichtiger als Intelligenz

Selbstkontrolle hängt mit akademischen Leistungen zusammen und liefert womöglich sogar einen größeren Beitrag zur Erklärung von Schulleistungen als Intelligenz. Kinder mit ADHS haben generell eine geringere Selbstkontrollkapazität als normal entwickelte Kinder und ihre Beeinträchtigungen zeigen sich speziell in Situationen, die Selbstkontrolle erfordern. Eine genaue Diagnostik der Selbstkontrolle ist daher notwendig und Lehrpersonen sollten geschult werden, Selbstkontrolldefizite besser und schneller zu erkennen.

Wie ein Muskel: Selbstkontrolle ermüdet, kann aber auch trainiert werden

Der Befund, dass eine geringe Selbstkontrollkapazität mit schlechten Schulleistungen einhergeht, eröffnet neue Ansatzpunkte für Interventionen. Einen theoretischen Rahmen dafür bietet das Kraftspeichermodell der Selbstkontrolle (Muraven & Baumeister, 2000). Dementsprechend kann Selbstkontrolle analog zu einem Muskel gesehen werden, der durch längere Beanspruchung ermüdet. Gleichzeitig ist dem Modell zufolge die Selbstkontrolle genauso wie ein Muskels trainierbar. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für den Unterricht, die helfen, akademischen Minderleistungen von Kindern mit ADHS zu verringern.

Anstreben einer geringeren Belastung der Selbstkontrolle

Maßnahmen wie das Unterteilen von Aufgaben in kürzere Arbeitsabschnitte sowie von Instruktionen in mehrere kürzere Informationsblöcke haben sich als wirkungsvoll für Kinder mit ADHS erwiesen. Gleiches gilt für die Reduktion der Aufgabenlänge. Außerdem sind häufiges, konstantes Leistungsfeedback und Belohnungen wichtig: Auch in nicht-klinischen Stichproben verringern motivationsförderndes Feedback und Belohnungen die Effekte einer Selbstkontrollerschöpfung im Sinne des Kraftspeichermodells.

Wenn-Dann-Pläne zur Verbesserung der Handlungssteuerung

Wenn-Dann-Pläne zielen sowohl darauf ab, Anforderungen an die Selbstkontrolle zu verringern sowie sie zu trainieren.

Im Wenn-Dann-Format werden Verhaltensweisen mit Situationen verknüpft. Dadurch überwinden Kinder die häufig zu beobachtende Lücke zwischen der Handlungsabsicht und dem tatsächlichen Durchführen der Handlung. Stück für Stück werden bestimmte Situationen so zu einem automatischen Auslöser für ein angestrebtes Verhalten.

Automatisierte Handlungen brauchen weniger Selbstkontrolle

Diese Automatisierung der Handlungsinitiierung reduziert die Anforderung an die Selbstkontrolle. Gleichzeitig wird die Selbstkontrolle durch häufigeres Ausführen der Zielhandlung trainiert. Kinder mit ADHS, die im Rahmen eines im Unterricht durchgeführten Trainings ein Ziel mit passendem Wenn-Dann-Plan formulierten, zeigten bessere Selbstkontrollkompetenzen als diejenigen, die lediglich eine einfache Zielintention formulierten (Gawrilow, Guderjahn & Gold, 2013; Guderjahn, Gold, Stadler & Gawrilow, 2013.

Implikationen für die Praxis

Für den Einsatz in der Schule wird von Gawrilow und Kollegen (2013) ein Vorgehen in sechs Schritten vorgeschlagen:

1. Schritt: Problem- und Zielidentifikation

Die Lehrperson verschafft sich einen Überblick über etwaige Probleme eines bestimmten Schülers. Dann wird das aus ihrer Sicht aktuell relevanteste Ziel identifiziert. Außerdem trifft sie Vorüberlegungen, wie ein zielführendes Verhalten aussehen und mit welchen auslösenden Situationen dasselbe verknüpft werden könnte.

Beispiel: Die Schülerin Anna kommt häufiger zu spät zum Unterricht.

2. Schritt: Zielfestlegung

Im Gespräch mit dem Schüler wird ein Ziel festgelegt. Dabei ist es wichtig, dass sich der Schüler mit seinem Ziel identifiziert. Ziele sollten dem Schüler persönlich wichtig sein. Sie sollten außerdem sehr konkret formuliert werden sowie überprüfbar und realistisch erreichbar sein.

Beispiel: Anna könnte das Ziel formulieren: „Ich möchte nicht mehr zu spät zum Unterricht kommen“.

3. Schritt: Auswahl zielrelevanter Situationen und Verhaltensweisen

Nun werden Situationen herausgearbeitet, die für die Zielerreichung wichtig sind. Dafür sollen gemeinsam mit dem Schüler Handlungsmöglichkeiten gesammelt werden, um das Ziel zu erreichen.

Beispiel: Für Anna sind zielrelevante Handlungen und Situationen, den Wecker früher zu stellen (abends vor dem Zubettgehen), nicht mehr zu trödeln (morgens auf dem Schulweg) und den Ranzen früher zu packen und zu kontrollieren (am Vortag nach Abschluss der Hausaufgaben).

4. Schritt: Erstellung eines Wenn-Dann-Plans

Ein Wenn-Dann-Plan wird konkret formuliert. Er legt genau fest wann, wo und wie ein Schüler handeln will. Es sollte darauf geachtet werden, dass der Wenn-Teil eine spezifische und leicht zu identifizierende Situation enthält. Im Dann-Teil ist darauf zu achten, dass genau festgelegt wird, was beim Eintreten der Situation getan wird, so dass kein Interpretationsspielraum bleibt.

Beispiel: Anna könnte den folgenden Wenn-Dann-Plan formulieren: „Immer wenn ich mit den Hausaufgaben fertig bin, packe ich meinen Ranzen für den nächsten Tag und kontrolliere ihn“.

5. Schritt: Überprüfung des Wenn-Dann-Plans

Der Wenn-Dann-Plan wird nochmals darauf überprüft, ob er realistisch umsetzbar und präzise genug ist. Dann wird er endgültig festgelegt.

Beispiel: Anna überprüft nochmals, ob die Situation (nach den Hausaufgaben) tatsächlich die beste Handlungsmöglichkeit bietet und ob der Dann-Teil so formuliert ist, dass er keine alternative Handlungsmöglichkeit zulässt.

6. Schritt: Durchführung und Evaluation

Der Schüler setzt den Wenn-Dann-Plan eigenständig um und erstellt nach einiger Zeit neue Pläne. Die Lehrperson unterstützt ihn durch Erinnern und Nachfragen dabei.

Beispiel: Anna setzt ihren Plan um und ihre Lehrerin erkundigt sich nach dem Fortschritt und lobt.

Quellen:

Gawrilow, C., Guderjahn, L. & Gold, A. (2013). Störungsfreier Unterricht trotz ADHS. Mit Schülern Selbstregulation trainieren – ein Lehrermanual. München: ERV.

Guderjahn, L., Gold, A., Stadler, G. & Gawrilow, C. (2013). Selfregulation strategies support children with ADHD to overcome symptom-related behavior in the classroom. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 5, 397 – 407.

Muraven, M. & Baumeister, R. F. (2000). Self-regulation and depletion of limited resources: Does self-control resemble a muscle? Psychological Bulletin, 126, 247 – 259.


Bei diesem Thema handelt es sich um eine gekürzte Version des Artikels Selbstkontrolle in der Schule: Der Zusammenhang von geringer Selbstkontrolle und schlechten Schulleistungen bei Kindern mit ADHS aus der Zeitschrift Lernen und Lernstörungen, die sich mit Lern- und Entwicklungsprozessen, deren Beeinträchtigungen sowie Methoden der Förderung und Therapie beschäftigt.


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