Zweisprachigkeit und DaZ

 

Immer mehr Kinder wachsen von Geburt an mehrsprachig auf oder lernen bereits früh eine zweite Sprache. Mehrere Sprachen zu sprechen, bringt viele Vorteile mit sich. Gelingt der Spracherwerb jedoch nur schlecht, fällt das Lernen in der Schule schwer. Um Kindern mit Migrationshintergrund faire Bildungschancen zu ermöglichen, ist eine Überprüfung des Sprachstandes und entsprechende Sprachförderung daher notwendig.


Auch als Erwachsener kann man Fremdsprachen erlernen. Um eine Zweitsprache aber wie seine Muttersprache zu beherrschen, muss sie bis zum Alter von etwa 6 oder 7 Jahren erworben werden. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es noch möglich, die Sprache ohne Aussprache- oder Grammatikfehler „implizit“ zu erlernen.


Von Geburt an zweisprachig (simultan bilingual)

Kein Wunder also, dass sich Eltern mit verschiedenen Muttersprachen oft entschließen, ihre Kinder zweisprachig aufwachsen zu lassen. Besonders gut gelingt der simultane Spracherwerb, wenn jeder Elternteil ausschließlich in seiner eigenen Muttersprache mit dem Kind spricht, nach dem Prinzip „eine Person, eine Sprache“. Bei Kindern, die zuhause ausschließlich eine andere Muttersprache als Deutsch sprechen, aber z.B. in der Krippe recht früh mit der Umgebungssprache Deutsch in Kontakt kommen, kann es ebenfalls zu einem simultanen Spracherwerb kommen. Auch dann kann das Prinzip „eine Person, eine Sprache“ beibehalten werden. Die Erzieher fördern den Erwerb der Umgebungssprache, die Eltern bringen den Kindern ihre Muttersprache bei. Kinder können ihre Muttersprache nämlich nur dann gut erlernen, wenn sie sie auch regelmäßig hören und selbst sprechen.


In den ersten Lebensjahren können bei Kindern, die von Geburt an zweisprachig aufgewachsen sind, zum Teil schlechtere Sprachleistungen festgestellt werden als bei einsprachigen Kindern. Im Alter von 4 bis 5 Jahren haben die zweisprachigen Kinder den Rückstand aber in der Regel wieder aufgeholt und es lassen sich keine Unterschiede zu den Sprachleistungen von einsprachigen Kindern mehr nachweisen.


Erlernen einer Zweitsprache bzw. Umgebungssprache (sukzessive bilingual)

Kindern mit Migrationshintergrund erlernen häufig zunächst nur ihre Muttersprache und werden erst später mit der Zweitsprache konfrontiert. Die Kinder beherrschen dann bereits die Grundstruktur der Erstsprache und lernen meist mit dem Eintritt in den Kindergarten mit 3 Jahren Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Wie gut dieser sukzessive bilinguale Spracherwerb gelingt, hängt dann von vielen Faktoren ab (Wie oft wird die Sprache fehlerfrei gehört? Wie ist die Lernmotivation? usw.). Bei der Konfrontation mit einer neuen, fremden Sprache „verstummen“ die Kinder häufig erst einmal, weil sie merken, dass sie nicht verstanden werden. Sie verständigen sich dann über Mimik und Gestik. Gerade in dieser Phase ist es wichtig, langsam und betont mit den Kindern zu sprechen, damit sie sich in die neue Sprache „einhören“ können. Der rezeptive Wortschatz wächst dann schnell an, und das Kind kann nach etwa 10 Monaten (bei Förderung nach 6 Monaten) genug Wörter, Zwei-Wort-Sätze und auswendig gelernte Phrasen, um sich im Alltag zu verständigen. Um selbstständig komplexe und einigermaßen fehlerfreie Sätze bilden zu können, sind in der Regel 2 Jahre Kontaktzeit mit der Zweitsprache und entsprechende Förderung notwendig. Ohne Sprachförderung oder Sprachunterricht kann es auch erheblich länger dauern, bis Kinder dieses für die Einschulung notwendige Sprachniveau erreichen.

Förderung und Diagnostik beim Zweitspracherwerb

Alle sukzessiv bilingualen Kinder sollten im Kindergarten Sprachförderung erhalten, da sie ohne Förderung mehr Zeit für den Spracherwerb benötigen. Erwerben sie bis zur Einschulung keine ausreichenden Sprachfähigkeiten, wird das Lernen erschwert. Dies kann sich auf den gesamten weiteren Schulverlauf und die späteren Ausbildungschancen auswirken. Um den Förderverlauf im Blick zu behalten, ist daher der Einsatz von Sprachtests sinnvoll.


In den ersten 6 bis 10 Kontaktmonaten mit der Zweitsprache ist die Durchführung eines Sprachtests meist noch nicht nötig, da das Kind erst einmal Zeit braucht, um erste Wörter und Grundelemente der Zweitsprache zu erlernen. Anschließend ist eine regelmäßige Überprüfung (1 bis 2 x pro Jahr) sinnvoll, um den Fortschritt beim Spracherwerb zu sehen und anhand von Testprofilen optimale Förderpläne aufstellen zu können. Zu diesem Zweck kann ein deutscher Sprachentwicklungstest (z.B. SETK 3-5) eingesetzt werden. Bei einem Kind, das Deutsch als Zweitsprache erlernt, gibt ein solcher Test zwar keine zuverlässige Auskunft über eine mögliche Sprachentwicklungsstörung, dafür aber über die Sprachfähigkeiten im Deutschen. Verbessern sich diese Sprachfähigkeiten bei einem Kind innerhalb von 6 Monaten trotz Förderung nicht, kann dies ein Hinweis auf eine Sprachentwicklungsstörung sein.


In der Grundschule kann auch ein Screening des Wortschatzes (z.B. mit dem GraWo) helfen, den unterschiedlichen Sprachstand der Kinder abzuschätzen.


Sprachentwicklungsstörungen bei zweisprachigen Kindern

Bei der Diagnostik muss in jedem Fall zwischen Problemen beim Zweitspracherwerb und entwicklungsbedingten Sprachschwierigkeiten unterschieden werden. Ist eine Sprachentwicklungsstörung die Ursache für die Sprachdefizite, treten in beiden Sprachen Schwierigkeiten auf. Ohne eine Sprachtestung in der Muttersprache und in der Umgebungssprache kann daher bei mehrsprachigen Kindern die Diagnose einer Sprachentwicklungsstörung nicht gestellt werden. Dabei ist auch die Kontaktzeit mit der Zweitsprache zu berücksichtigen.


Neben dem Einsatz eines psychometrischen Testverfahrens in deutscher Sprache (z.B. SETK 3-5, SET 5-10), sollte das Kind daher auf jeden Fall von einem Muttersprachler in der Herkunftssprache getestet werden. Alternativ kann auch ein Screeningverfahren in der Muttersprache eingesetzt werden, das von einem deutschsprachigen Testleiter durchgeführt werden kann (z.B. Cito-Sprachtest Version 3, SCREEMIK 2, ESGRAF-MK, SFD). Geeignet ist auch das Verfahren LiSe-DaZ, das über Normen für Kinder zwischen 3 und 7 Jahren mit Deutsch als Zweitsprache verfügt, die bereits vor dem 4. Geburtstag Kontakt mit der deutschen Sprache hatten. Auch die Kontaktzeit mit der Sprache Deutsch in Monaten wird bei LiSe-DaZ berücksichtigt.


Sprachentwicklungsstörungen treten bei zweisprachigen Kindern etwa genauso häufig auf wie bei einsprachigen Kindern, da Mehrsprachigkeit keine Ursache für Sprachentwicklungsstörungen ist und diese auch nicht verstärkt. Eltern befürchten dies aber manchmal und sprechen dann nur noch in der Umgebungssprache mit ihrem Kind. Da die Muttersprache von den Entwicklungsdefiziten aber gleichermaßen wie die Zweitsprache betroffen ist, können Eltern ihr Kind am besten fördern, wenn sie ihm auch weiterhin die Gelegenheit bieten, die Muttersprache gut zu erlernen. Dem Diagnostiker können Auskünfte von den Eltern über Sprachprobleme in der Muttersprache gleichzeitig wichtige Hinweise liefern. HM

Alle im Artikel erwähnten Testverfahren finden Sie auf www.testzentrale.com

 

 

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