Betreuung im ersten Lebensjahr


Deutschland befindet sich momentan in einer familienpolitisch schwierigen Lage. Auf der einen Seite ist es für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung, dass wieder mehr Kinder geboren werden, um einer drohenden Überalterung vorzubeugen. Auf der anderen Seite wollen und sollen Frauen nicht länger nur Heim und Herd versorgen, sondern ihre berufliche Karriere in gleicher Weise verfolgen können wie Männer. Diese beiden Forderungen lassen sich nur schwer vereinbaren, zumindest solange nicht geklärt ist, wie Kinder im ersten Lebensjahr betreut werden, wenn ihre Mütter wieder in ihren Beruf zurückkehren möchten.

Eine denkbare Lösung stellt der Ausbau von Krippen dar. Im Hinblick auf Kinder unter drei Jahren werden hierzu höchst kontroverse Auffassungen vertreten. Die Regierungskoalition hat mit ihrer Familienpolitik zunächst Anreize dafür geschaffen, Kinder unter einem Jahr zuhause zu betreuen. So gilt seit 2007 eine neue Elterngeld-Regelung. Demnach erhalten Eltern bis zu 12 Monaten nach der Geburt ihres Kindes einkommensabhängige Zahlungen bis maximal 1600,– monatlich, die sowohl vom Vater als auch der Mutter beantragt werden können. Nehmen beide Elternteile nacheinander Erziehungsurlaub, so lässt sich der Anspruch auf insgesamt 14 Monate ausdehnen. Mit diesen Maßnahmen möchte man erreichen, dass die Nachteile einer vorübergehenden Berufspause mit zugehörigem Verdienstausfall insbesondere für Gutverdiener ausgeglichen werden. Zudem will man die Väter stärker motivieren, sich an der frühkindlichen Betreuung zu beteiligen.

Nach dem ersten Lebensjahr sollen Eltern die freie Wahl zwischen Krippe und häuslicher Erziehung haben. Im Juli 2013 trat in Deutschland ein neues Krippen-Gesetz in Kraft: Jedem Kind steht nach Vollendung des ersten und vor Ende des dritten Lebensjahres das Recht auf Betreuung in einer Tageseinrichtung zu. Im April 2013 wurde außerdem das Betreuungsgeld eingeführt. Diese finanzielle Zuwendung in Höhe von 150,– € monatlich wird vom 2. bis Ende des 3. Lebensjahres des Kindes an Sorgeberechtigte gezahlt, sofern diese keinen Tagesbetreuungsplatz in Anspruch nehmen. Das Betreuungsgeld ist stark umstritten und wird von Gegnern und Gegnerinnen häufig als „Herdprämie” bezeichnet, weil es traditionelle Rollenvorstellungen bestärke, und die Gefahr erhöhe, dass jene Kinder, für die eine Fremdbetreuung besonders wichtig sei, nicht in die Krippe geschickt werden, weil die Eltern das Geld für andere Zwecke als Bildung und Förderung ihres Nachwuchses einsetzen.

Bei allen Debatten um die frühkindliche Betreuung lässt sich stets sowohl aus der Perspektive der Eltern als auch aus der Perspektive der Kinder argumentieren. Im Rahmen des vorliegenden Beitrags interessiert uns vor allem die Frage, welche Vor- und Nachteile Krippenbetreuung für das Kind hat. Befürwortende einer häuslichen Betreuung führen als Argument ins Feld, die Versorgung durch Mutter oder Vater entspreche am ehesten unserer biologischen Natur und sei insbesondere für die Bindungsentwicklung auf Seiten des Kindes entscheidend. Nirgends werde ein Kind besser versorgt und gefördert als zuhause. Dem halten Befürwortende des Krippenausbaus entgegen, dass auch Kinder, deren Mütter einer Berufstätigkeit nachgehen wollen sowie solche aus sozial benachteiligten Schichten und Problemfamilien in Krippen die Chance auf gute Betreuung und ein ausreichendes Bildungsangebot erhalten müssen. Zudem biete die Krippenunterbringung Kindern, deren Eltern zuhause kein Deutsch sprechen, die Chance, sich früh auch mit der hiesigen Sprache und Kultur vertraut zu machen.

Entwicklungspsychologische Betrachtungen können helfen, diese unterschiedlichen Positionen differenziert zu bewerten (Zmyj und Schölmerich, 2012). Nachfolgend werden wir die Auswirkungen von Fremdbetreuung in den ersten drei Lebensjahre auf die Eltern-Kind-Bindung, die sozial-emotionale sowie die kognitive Entwicklung des Kindes näher beleuchten. Anschließend gehen wir auf die Frage nach Qualitätsansprüchen an eine gute Fremdbetreuung ein, bevor wir im Lichte der vorliegenden Befunde ein Fazit als Beitrag zur der aktuellen Debatte Pro und Kontra Krippe bzw. Betreuungsgeld ziehen.

von Sabina Pauen und Jeanette Roos

 

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