Als die Stadt den Wall durchbrach

Teil 1 (erschienen im Göttinger Tageblatt am 06.11.2012)

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 1: Die Vorgeschichte.

Fotografiert bei einer Ballonfahrt im April 1911: Kreuzung Herzberger Landstraße (unten quer) mit Dahlmann- und Merkelstraße. An der damaligen Waldstraße (oben) steht als erstes Haus links die Villa Merkelstraße 3, in dem heute der Hogrefe-Verlag seinen Sitz hat. Quelle: Archiv Hogrefe-Verlag

Göttingen. Die Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert führte zu Bevölkerungswachstum in den Städten. Häufig waren die Wohnflächen der Städte aber durch alte Festungswerke eingeschränkt, so auch in Göttingen. Den Anschluss – im wahrsten Wortsinn – an die neuen Handelswege hatte die Stadt mit dem Bau des Bahnhofs 1854 gewonnen, und allmählich dehnte sich nun auch das Stadtgebiet über das vom Wall umschlossene Areal aus, etwa mit Bau eines Arbeiterwohnhauses am Maschmühlenweg (1861), dem Bau des Auditoriengebäudes vor dem Weender Tor (1862) oder dem Abbruch des Albanitores (1866). Wie diese Entwicklung verlief, verdeutlichen die Einwohnerzahlen Göttingens: 1861 waren es 12 452, 1880 19 963 Einwohner. Um 1910, als die Bautätigkeit in den Außenbezirken erheblich zugenommen hatte, wohnten erstmals mehr Personen in der Außenstadt als in der Innenstadt.

Die Außenbezirke: Das waren vor der Wohnbebauung Ende des 19. Jahrhunderts zumeist landwirtschaftlich genutzte Flächen ohne ein planvoll gestaltetes Wegenetz. Um dies vorzubereiten, wurde 1874 bis 1875 die städtische Feldmark Göttingens neu geordnet. Das geschah auf dem Wege der sogenannten Verkoppelung, der damals in Norddeutschland gebräuchliche Begriff für das, was wir heute unter Flurbereinigung verstehen. Erklärtes Ziel war es, mit der Anlage neuer, gerader Feldwege die Fluchtlinien für künftige Wohnstraßen vorzubereiten. So ist etwa der heutige Rohnsweg einer dieser alten Feldwege.

Und bald schon wächst Göttingen jenseits des Walles. Westlich des Groner Tors reichte laut Plan von 1878 die Stadt bis zur Leine rechts und links der Kasseler Landstraße, südlich davon war das Gebiet zwischen dem Schiefen Weg und dem Rosdorfer Weg bebaut. Südlich der heutigen Bürgerstraße ist der bebaute Streifen noch ziemlich schmal, doch in Richtung Walkemühlenweg und Lotzestraße erweitert sich das Baugebiet. Folgt man der Geismarlandstraße stadtauswärts, endet dort die Bebauung etwa in Höhe des heutigen Steinsgrabens. Weiter nach Norden sieht man westlich des Friedländer Wegs Wohnbebauung, die Richtung Hainberg weisende Ostseite ist noch weitgehend unbebaut. Hainholzweg und Herzberger Landstraße sind in ihren stadtnahen Abschnitten ebenfalls mit Wohnhäusern bestanden, ebenso das Gebiet zwischen Bühlstraße und dem Düstere-Eichen-Weg. Der Nikolausberger Weg dagegen führt noch durch die Feldmark. Etwa in Höhe des heutigen Waldwegs befindet sich an seiner Südseite eine Ziegelei. Schließlich wird ja viel gebau.

Die Villa Merkelstraße heute - renoviert und Sitz des Hogrefe-Verlags. Quelle: Vetter

Setzen wir uns im Geist im Jahre 1878 in eine Kutsche und fahren vom Rathaus am Markt in Richtung der künftigen Merkelstraße: Der Weg führt durch die Rote Straße und die Wendenstraße an der Albanikirche vorbei zum Albanitor. Das ist die einzige Ausfahrt aus der Innenstadt Richtung Osten: Die Walldurchbrüche Friedrichstraße und Theaterstraße existieren noch nicht. Linkerhand erblicken wir dort, wo später einmal das Theater gebaut wird, das städtische Pulvermagazin. Wir biegen parallel zum Wall nach Norden, fahren also ungefähr über den heutigen Stadthallen-Parkplatz, und biegen nach rechts in die Herzberger Chaussee ab.

Linksseitig ist sie bis in Höhe Dahlmannstraße bebaut, letztere aber ist noch keine Straße, sondern ein Feldweg. Vor uns liegt die Feldmark. Das Hainbunddenkmal an der Stelle, bevor die Chaussee steiler ansteigt, ist gerade sechs Jahre alt. Vor uns liegt der Hainberg. Auf seiner Hochfläche gibt es schon einige aufgeforstete Flächen. Die Bäume sind noch klein, Bürgermeister Merkel hat erst vor sieben Jahren mit der Bewaldungsaktion begonnen. Vorher hatten Schafherden alles abgefressen, über die kahle Höhe pfiff der Wind.

Nächste Folge: die ersten Jahre.

Von Michael Schäfer

Hier können Sie den Artikel als PDF-Datei downloaden:

Villa Merkelstraße 3 - Teil 1