Erster Bewohner ist Hausmeister Apenberg

Teil 2 (erschienen im Göttinger Tageblatt am 13.11.2012)

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist eine der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 2: Die ersten Jahre.

Prachtvilla: Das Haus Waldstraße 2/4 (später Merkelstraße 3) in der Bildmitte, Postkarte um 1911. Quelle: ©Sammlung Hogrefe

Göttingen. Eine wichtige Quelle zur Stadtgeschichte ist das Adressbuch. Zwei Regalböden im Stadtarchiv beherbergen – nicht ganz vollständig, aber doch auskunftsfreudig – die Göttinger Adressbücher bis zur Gegenwart. Im Jahr 1907, dem Baujahr des Hauses, wie die Jahreszahl an der Fassade ausweist, findet man zuerst einmal gar keine Merkelstraße. Der eingeklebte Stadtplan klärt auf: Damals hieß diese Straße noch Waldstraße.

Erst 1916 erhielt sie ihren heutigen Namen – nach Göttingens Oberbürgermeister Georg Merkel (1829-1898). Auf der rechten Straßenseite, stadtauswärts gesehen, sind zwei Häuser verzeichnet: Unter Hausnummer 1 steht "Lehrerinnenheim", unter Hausnummer 3 „Levin, Marie, Kommerzienrats-Witwe" "Levin, Hermann" und "Ellermeier, Louis, Kutscher". Auf der linken Straßenseite sind ebenfalls zwei Häuser aufgeführt: unter der Hausnummer 2/4 "Neubau (Krafft, Gebrüder)" und unter der Nummer 6 "Stein, Walther, Univ. Professor" und "Höpfner, Ernst, Univ.-Kurator".

Keine schlechte Gegend also. Im Levinschen Haus, Waldstraße Nummer 3, erbaut 1902, wohnte die Familie des Besitzers der Saline Luisenhall – das Haus, in dem heute das Göttinger Goethe-Institut untergebracht ist. Es ist im Adressbuch dieses Jahres als "Neubau (Commerzienrath Levin’s Erben)" aufgeführt. Das Lehrerinnenheim steht ebenfalls in Zusammenhang mit der Familie Levin: Die Leiterin der "Feierabendhausstiftung" war "Frau Fabrikbesitzer Marie Levin", wie es in einem Eintrag zur Waldstraße 1 im Jahre 1896 heißt.

Und wer waren die Gebrüder Krafft, die im Göttinger Adressbuch von 1907 unter der Anschrift des heutigen Prachtbaus stehen? Sie betrieben ein florierendes Baugeschäft. Carl und Friedrich Krafft waren Maurermeister, die aus Teltow bei Berlin stammten. Nach Göttingen gekommen war Friedrich, um 1865 das ehemalige Rohns’sche Baugeschäft zu übernehmen. 1874 wurde Bruder Carl Teilhaber des Baugeschäfts. Dessen Name lautete zunächst "Rohns Erben", später "Gebrüder Krafft". Firmensitz war seit 1878 die Obere Karspüle 43. Diese Kraffts also hatten das Haus errichtet, das sich erst allmählich mit Leben füllte.

1908 verzeichnet das Adressbuch zwar noch keinen Mieter, aber wenigstens Personal: "Apenberg, August, Hausmeister". Ein Jahr später zog mit Wagner, Ferdinand, Dr. phil., Tel. 462 der erste Mieter im Erdgeschoss ein. In der zweiten Etage wohnte nun Pitschke, Franz, Regierungsrat, Tel. 573. Und 1910 war auch die erste Etage bezogen: Professor Dr. Landau, Tel. 493, ist im Adressbuch zu lesen.

1909 war der Mathematiker Edmund Landau (1877-1938) an die Universität Göttingen als Nachfolger von Hermann Minkowksi berufen worden. Sein Spezialgebiet war die analytische Zahlentheorie. Er hatte unter anderem Harald und Niels Bohr nach Göttingen gebracht. 1934 wurde er seiner jüdischen Herkunft wegen zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Landau wohnte nur ein Jahr im Krafftschen Haus, sein Nachmieter war Bürgermeister a. D. Georg Schlüter.

Die nächste Folge: Senator Kauffmann.

Von Michael Schäfer

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Villa Merkelstraße 3 - Teil 2