Die Hahns: Produzenten der Schuhmarke Gallus

Teil 4 (erschienen im Göttinger Tageblatt am 28.11.2012)

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 4: Die 20er- und 30er-Jahre.

Produzierte mit seinem Bruder hochwertige Schuhe der Marke Gallus in Göttingen: Max Hahn. Quelle: ©Stadtarchiv/Repro: CH

Senator Kauffmann hatte 1913 die Villa in der Merkelstraße verlassen. Die Grundstücksgesellschaft, die er zusammen mit den Brüdern Krafft betrieben hatte, war pleite, die Göttinger Bank ebenfalls. Spekulationen auf dem Immobiliensektor sind bis heute ein gefährliches Terrain geblieben. 1914, im Jahr, in dem der Erste Weltkrieg ausbricht, verzeichnet das Adressbuch einen Mieterwechsel.

In die frei gewordene Wohnung im ersten Stock, in der Beletage also, wie man damals das komfortabelste, vom Straßenstaub weniger belastete Stockwerk über dem Erdgeschoss nannte, war Erich von Gündell eingezogen, ein "General z. D.", wie im Adressbuch zu lesen ist. "z. D." bedeutet "zur Disposition", also nicht im aktiven Dienst.

Der General, Jahrgang 1854, gehörte zur Führungsgruppe der preußischen Militärs. Unmittelbar vor seinem Einzug war er – im Rang eines Generalleutnants – Direktor der Preußischen Kriegsakademie in Berlin, allerdings nur für kurze Zeit: vom 1. April bis zum 3. September 1913. Welche Gründe dazu führten, dass man den 59-jährigen so früh durch Kuno Arndt von Steuben ersetzte, geht aus der Aktennotiz im Bundesarchiv nicht hervor.

Wohl aber, dass General von Gündell 1914 Führer eines Reservekorps wurde und dass er von Oktober bis November 1918 Vorsitzender der Waffenstillstandskommission der Obersten Heeresleitung war. Verhandlungsleiter in Versailles wurde allerdings ein anderer: Hatte die Oberste Heeresleitung diese Position mit einem militärischen Vertreter besetzen wollen, setzte sich die Reichsregierung mit ihrem Standpunkt durch, eine zivile Persönlichkeit damit zu betrauen, den Staatssekretär Matthias Erzberger.

Gündell muss in der Zwischenzeit auch befördert worden sein, denn 1922 lautet der Eintrag im Adressbuch "von Gündell, Erich, General d. I. [also: der Infanterie] a.D., Exzellenz". Zu seinen entfernten Verwandten gehören der Raketeningenieur Wernher von Braun und der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff. Gündell stirbt 1924, in den Jahren 1927 und 1928 verzeichnet das Adressbuch seine Witwe als Bewohnerin.

Es ist wohl kein Zufall, dass sich Gündell 1914 nach Göttingen orientiert: Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges dürfte er seine Zukunft als General im Ruhestand gesehen haben. Zudem war sein Großvater Erich von Quistorp (1794-1830) Offizier in Göttingen. Und Göttingen hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Ruf eines angenehmen Wohnorts für Pensionäre. Ja, die Stadt wurde sogar, wie der Titel einer anonymen Werbeschrift das Jahres 1904 belegt, als "Pensionopolis" bezeichnet.

Das Adressbuch des Jahres 1915 fehlt im Göttinger Stadtarchiv. 1916 ändert sich trotz der Kriegswirren nichts außer der Umbenennung der Waldstraße in Merkelstraße und den neuen Hausnummern: aus der Villa Waldstraße 2/4 (1907 bis 1912) beziehungsweise 4/6 (1913 bis 1914) wird nun die Adresse Merkelstraße 3, die bis heute gilt.

Das nächste erreichbare Adressbuch stammt aus dem Jahr 1920. Nun gibt es einen neuen Mieter im zweiten Stock, eine wichtige Persönlichkeit der Göttinger Geschichte: der Kaufmann Max Ruben Hahn. Hahn war einer der beiden Söhne von Raphael Hahn, der zusammen mit seiner Ehefrau Channa Hahn 1858 nach Göttingen gekommen war und hier einen Handel mit Rohhäuten und Fellen betrieb.

1899 legt Raphael Hahn die Leitung seiner Firma – das Geschäftshaus befand sich in der Weender Straße 63 – in die Hände seiner Söhne Nathan (Jahrgang 1868) und Max (Jahrgang 1880). Der Seniorchef stirbt 1915 "als ein in Göttingen allseits angesehener Bürger", wie in der von Bettina Kratz-Ritter, Berndt Schaller und Lenore Schneider-Feller verfassten Biographie der Familie (Schriften der Göttinger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Heft 1, 2002) zu lesen ist.

1912 bauen Nathan und Max Hahn in der Weender Landstraße 59 eines der größten Häute- und Darmlager Deutschlands auf und errichten dort eine Schuhfabrik, die hochwertige Schuhe unter dem Markennamen Gallus (lateinisch: Hahn) produziert. Zum Gedenken daran heißt heute das Gelände "Gallus-Park". Max Hahn und seine Frau Gertrud (geborene Lasch) waren 1919 in die Merkelstraße gezogen.

Sohn Rudolf wird im Jahr des Einzugs geboren, drei Jahre später die Tochter Hanni. 1931 bezieht auch die Familie Nathan Hahn, die zuvor in der Baurat-Gerber-Straße 19 gewohnt hatte, die Villa in der Merkelstraße, die die Brüder Hahn zwischenzeitlich erworben haben.

Zu den Mietern der nächsten Jahre gehören etliche Göttinger Universitätslehrer. 1925 bezieht der Historiker Prof. Arnold Oskar Meyer das Haus. Meyer (1877-1944) lehrt in Göttingen von 1920 bis 1928. Er gehört später dem NS-Reichsinstitut für die Geschichte des Neuen Deutschlands an und ordnet in seiner 1944 erschienenen Bismarck-Biographie das Dritte Reich in die Traditionslinie Bismarcks ein. Von 1929 an wohnt Prof. Hermann Straub (1882-1938), Direktor der Medizinischen Klinik der Universität, in der Villa, einer der angesehensten Internisten Deutschlands.

Er hatte 1928 einen Ruf nach Göttingen angenommen. Kurz nach der Machtergreifung Hitlers legt er seine Ämter nieder. Der dritte Universitätsprofessor bezieht Ende 1930 das Haus: der Mathematiker Prof. Hermann Weyl, der den Lehrstuhl des verstorbenen David Hilbert übernimmt.

Er hatte zuvor in Zürich gewirkt und sieht seinen Wechsel nach Göttingen mit gemischten Gefühlen: "Nur mit einiger Beklemmung finde ich mich aus ihrer [der traditionell demokratischen Schweiz] freieren und entspannteren Atmosphäre zurück in das gähnende, umdüsterte und verkrampfte Deutschland der Gegenwart." Auch Weyl verlässt 1933 Deutschland. Er geht in die USA an die Universität in Princeton.

Nächste Folge: Die Nazizeit


Von Michael Schäfer

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Villa Merkelstraße 3 - Teil 4