Familie Hahn: Verhaftet, verschleppt, ermordet

Teil 5 (erschienen im Göttinger Tageblatt am 27.12.2012)

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 5: die Nazizeit.

Göttinger Lebensspuren der Familie Hahn: Haus Weender Straße 70 mit den Initialen R. H. (Raphael Hahn) und N. H. (Nathan Hahn). Quelle: ©Pförtner

Für einen der beiden Professoren, die in der Merkelstraße 3 wohnen, als Hitler die Macht ergreift, sind die veränderten politischen Verhältnisse der Anlass, sich rasch von der Georgia Augusta zurückzuziehen. Der Mathematiker Hermann Weyl, zeitlebens demokratischen Ideen verpflichtet und mit einer Jüdin verheiratet, schreibt am 7. Oktober 1933 in seinem Entlassungsgesuch an den Nazi-Unterrichtsminister Bernhard Rust:

"Daß ich in Göttingen fehl am Platze bin, ist mir sehr bald aufgegangen, als ich im Herbst 1930 nach 17-jähriger Tätigkeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich dorthin als Nachfolger von Hilbert übersiedelte." Weyl geht in die USA an das Institute for Advanced Studies in Princeton, wo er bis 1951 lehrt. 1958 stirbt er an einem Herzanfall in Zürich.

Der zweite Professor, Internist Hermann Straub, zieht 1933 um in ein eigenes Domizil, das Haus Dahlmannstraße 1. Fünf Jahre später stirbt er in Greifswald.

Außerdem wohnen 1934 – 1933 ist kein Adressbuch erschienen – der Elektriker Hermann Grote, Regierungsrat Walter Loreck und Amtsrat a. D. Paul Wiebe im Erdgeschoss. Im ersten Stock ist ein Fabrikant Dr. phil. August Wicke verzeichnet, im zweiten Stock der Fabrikant Max R. Hahn und Feldwebel Heinrich Glosch, im dritten Stock Adolf Ahlborn, ein städtischer Buchhalter, der 1925 in die Villa eingezogen ist und 1936 zum Stadtbüroinspektor befördert wird.

1936 finden wir neben Hahn den Regierungsrat Julius Loreck, dazu Prof. Othenio Abel (1875-1946), der 1935 als Ordinarius für Paläontologie an die Universität Göttingen berufen worden ist (er wird 1940 emeritiert), außerdem Frau Amtsgerichtsrat Luise Hindersin und Jean-Marie Juillard, Französisch-Lektor an der Universität.

1937 zieht Stadtbüroinspektor Ahlborn in die Gartenstraße 29 um, ihm folgt Lagermeister Alfred Leschonski. Und statt des nicht mehr aufgeführten Amtsrats Wiebe verzeichnet das Adressbuch den Jurastudenten Gerhard von Jordan (Jahrgang 1914), der sich im Frühjahr 1941 als Kreishauptmann im besetzten Polen – dem sogenannten Generalgouvernement – "ein gutes Leben" leistet (Spiegel 42/1995), später Versicherungsdirektor wird und das Bundesverdienstkreuz am Bande erhält.

Das Schicksal der Familien Hahn und Wolf

Für den Hausbesitzer, den Fabrikanten Max Raphael Hahn – der am Leben der jüdischen Gemeinde Göttingen aktiv teilnimmt –, hat sich in den ersten Jahren der Nazizeit die Situation immer weiter verschlimmert, nachdem ihm schon Mitte Januar 1932 am Hause Merkelstraße 3 die Fensterscheiben eingeworfen worden waren. Wie Bettina Kratz-Ritter und ihre Ko-Autoren in der Schrift über die Familie Hahn berichten, droht schon im Sommer 1934 den Hahnschen Firmen Stilllegung (was endgültig dann zum 1. April 1940 geschah).

Am 12. April 1935 baut sich vor dem Hahnschen Haus ein SA-Trupp auf und ruft: "Max Hahn verrecke!" Wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in die der Fabrikant wegen des Nazi-Boykotts gerät, muss er wertvolle Möbel an das Museum verkaufen. Im Städtischen Museum Göttingen sind mehr als 110 derartige Objekte aus jüdischen Familien ausgemacht worden, die das Museum den Nachkommen der Geschädigten zurückgeben will. Darunter befinden sich auch ein Sofa, zwei Stühle und ein Tisch aus dem Besitz von Max Hahn.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 dringen gegen 2 Uhr morgens SS-Männer in das Haus ein, schlagen Fenster, Türen und die Wohnungseinrichtung kurz und klein, reißen die Mitglieder der Familien Max und Nathan Hahn aus ihren Betten, treiben sie unbekleidet auf die Straße, verhaften sie und halten sie im Polizeigefängnis in der Gotmarstraße fest, sowohl Max Raphael Hahn und seine Frau Gertrud als auch Nathan und Betty Hahn und deren älteren Sohn Max Meier Hahn. Die Brüder Max und Nathan werden zur Gestapo in der Theaterstraße 19 – sie hieß damals Franz-Seldte-Straße – gebracht.

Dort wartet auf sie eine ihnen unbekannte Frau mit Notar und vorbereitetem Vertrag: Sie werden gezwungen, ein Haus an diese Frau zu verkaufen. Max Raphael Hahn wird aus seiner „Schutzhaft“ außerhalb Göttingens erst am 4. Juli 1939, also nach fast acht Monaten, entlassen. Die übrigen Familienmitglieder kommen nach einigen Tagen frei.

Im Göttinger Tageblatt vom 11. November 1938 ist zu lesen: "Katz und Hahn haben jetzt Gelegenheit, aus der nächsten Nachbarschaft die Trümmer ihrer Synagoge zu betrachten und sich damit abzufinden, dass ihre Rolle auch in Göttingen endgültig ausgespielt ist."

Am 10. November kehrt die jüdische Familie Wolf, die im Jahr 1938 die Villa bezogen hat – Otto Wolf wird im Adressbuch 1939 als Versicherungsagent geführt – in ihre Wohnung in der Merkelstraße zurück, aus der sie tags zuvor aus Angst vor Verfolgung geflohen war. Doch die Flucht nützt nichts: Das Ehepaar Otto und Martha Wolf wird gleich nach seiner Rückkehr verhaftet, Otto Wolf wird noch bis zum 1. Dezember gefangen gehalten.

In der Nachkriegszeit wird dem SS-Scharführer Karl Vetter, der offenbar 1938 die Verhaftung der Familien Hahn und Wolf kommandiert hatte, der Prozess gemacht. Unter der Überschrift "Die befohlene "Volkswut" vor Gericht" berichtet die Hannoversche Presse in ihrer Ausgabe Göttingen-Stadt am 7. Juli 1949, Vetter sei zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden. Kommentar: "Ein mildes Urteil".

Das weitere Schicksal der Familien Hahn und Wolf: Max Raphael und Gertrud Hahn werden 1941 nach Riga verschleppt und dort 1942 umgebracht, Nathan und Betty Hahn werden am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt, zwei Monate später nach Auschwitz deportiert, wo sie 1943 ermordet werden.

Das Ehepaar Wolf kommt über das Durchgangslager Trewniki ins Warschauer Ghetto. Dort verliert sich die Spur, auch sie werden für tot erklärt. Einzig den Kindern gelingt die Flucht (nachzulesen in dem Buch "Die jüdischen Bürger Göttingens 1933 bis 1945" von Uta Schäfer-Richter und Jörg Klein, erschienen 1992 im Wallstein Verlag).

Rudolf (1910-1984) und Hanni (Jahrgang 1922), die Kinder von Max und Gertrud Hahn, können nach England emigrieren. Max (Jahrgang 1909), der ältere Sohn von Betty und Nathan Hahn, flieht nach Amerika, sein Bruder Leo (Jahrgang 1913) kann schon 1938 nach Palästina übersiedeln. Martha Wolfs Tochter Ruth (Jahrgang 1914) findet 1939 Zuflucht in England.

Das Haus Merkelstraße 3, so hat Michael Kruppe für seine "Häuserchronik der Stadt Göttingen" (2012) recherchiert, wird "arisiert", also an einen nichtjüdischen Erwerber verkauft – wohl, wie meistens, weit unter Wert. Der neue Besitzer ist der Reißwollproduzent Franz Hollenbach aus Duderstadt. Auch das Industriegrundstück an der Weender Landstraße wird nach Liquidierung der Hahnschen Firmen arisiert. Es geht am 1. Januar 1941 an die Göttinger Firmen Schachtebeck und Winkelhoff & Glaeser.

Nächste Folge: die Nachkriegszeit


Von Michael Schäfer

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Villa Merkelstraße 3 - Teil 5