Flüchtlinge, Geheimdienst, Göttinger Gruppe

Teil 6 (erschienen im Göttinger Tageblatt am 07.01.2013)

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 6: die Jahre nach 1945.

Großzügiger Zuschnitt als "Festgelände": Wohnzimmer der Merkelstraße-WG Ende der siebziger Jahre. Quelle:©Reinshagen.

Wie die meisten Gebäude Göttingens hat das Haus Merkelstraße 3 den Zweiten Weltkrieg ohne Bombenschaden überstanden. Mit Kriegsende verändert sich allerdings die Wohnsituation in Göttingen dramatisch. Die aus dem Osten Vertriebenen müssen untergebracht werden. Am 1. September 1945 verzeichnet die Stadtchronik 9994 Flüchtlinge und 3955 entlassene Wehrmachtsangehörige, die hier ansässig geworden sind.

Auf Anordnung der britischen Militärregierung wird daher Ende September der Zuzug von Flüchtlingen aus der amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone nach Göttingen verboten. Auch die Villa Merkelstraße war für etliche Vertriebene eine erste Heimstatt "35 bis 40 Flüchtlinge haben im Krieg hier gewohnt", weiß der heutige Besitzer, Verleger Jürgen Hogrefe. Zum Vergleich: Waren am 1. Januar 1940 in Göttingen 50 582 Einwohner gemeldet, so sind es Anfang 1949 bereits 70 582.

In den ersten Nachkriegsjahren sind keine Adressbücher der Stadt Göttingen herausgekommen. In dem ersten wieder erschienenen Band von 1949 ist als Eigentümerin des Hauses Merkelstraße 3 Wilhelmine Hollenbach verzeichnet, Ehefrau des Duderstädter Reißwollfabrikanten Franz Hollenbach, die das Haus im Zuge der sogenannten Arisierung in der Nazizeit gekauft hatte.

Doch ist die Villa nun von der britischen Militärregierung beschlagnahmt. Die britische Armee habe hier in der frühen Nachkriegszeit Essen ausgegeben, hat Hogrefe von seinen Eltern gehört. Die Beschlagnahmung bleibt – ausweislich der Adressbücher – mindestens bis 1953 bestehen. Vermutlich endet sie erst mit Aufhebung des Besatzungsstatuts, die am 5. Mai 1955 in Kraft tritt.

Die Hausbewohner sind 1949  nicht mehr Generäle, Professoren oder Fabrikanten, sondern interessanterweise vorwiegend Personen in technischen Berufen. Im Erdgeschoss ist die Firma Rechenautomaten GmbH Göttingen gemeldet, im ersten Stock vier Parteien: der Mathematiker Hans Brückner sowie drei Ingenieure, nämlich Hermann Dillmann, Spezialist für Optik, Erich Erkelmann und Erhard Ernst.

Die zweite Etage beherbergt den Chefkonstrukteur Louis Schomann und den Diplomingenieur Max Evers, die dritte Etage den Feinmechaniker Walter May, den Studenten Erhard Walther und als Hausmeister Max Herfurth. Und auch der Göttinger Verleger Dietrich Ruprecht gehört eine Zeitlang zu den Mietern, weil die Besatzungsmacht sein Haus beschlagnahmt hat.

In der Folgezeit wird das Erdgeschoss nicht mehr für Wohnzwecke genutzt. Im Adressbuch 1956 ist stattdessen vermerkt: "Staatl. Archivlager" – dort sind bis 1980 die Bestände des ehemaligen Preußischen Staatsarchivs Königsberg untergebracht – und "Franz. Suchdienst", nach Auskunft von Günter Blümel, VHS-Leiter von 1977 bis 2010, eine Geheimdienststelle der französischen Armee, die im Hochparterre residiert.

Im dritten Stock wohnen der Arzt Günther Schulz, der Archiv-Inspektor Herbert Budde, der aus Hillerse stammende Germanist Prof. Heinrich Wesche (1904-1978), der 1954 auf den Lehrstuhl für Niederdeutsche Sprache und Literatur an der Universität Göttingen berufen wurde, und der Bankbeamte Paul Wagner. Vier Jahre später, 1960, richtet der erste Rechtsanwalt sein Büro in diesem Haus ein: Günther König-Berger, Fachanwalt für Steuerrecht. Auch die Universität nutzt die großzügigen Räumlichkeiten. 1962/63 hat das Seminar für deutsche Volkskunde dort seinen Sitz.
In den folgenden Jahren bis 1983/84 sind in den Adressbüchern keinerlei Büros und Institutionen als Nutzer des Hauses verzeichnet. In den 1970er und 1980er Jahren, so berichtet Tageblatt-Leser Wulf Reinshagen, bewohnte eine "siebenköpfige WG die großzügige dritte Etage: drei Ärzte, ein Lehrer, ein Betriebswirt, zwei Psychologen".

Es sei eine "erlebnisreiche Zeit" gewesen, erinnert sich Reinshagen. Er schwärmt von der "unglaublichen Großzügigkeit der Wohnung" und berichtet, dass Freunde aus Hamburg ihre Hochzeit bei ihnen in der Merkelstraße gefeiert hätten, weil die Wohnung das optimale "Festgelände" gewesen sei. Heute, so Reinshagen, sei die Mehrzahl der früheren WG-Mitglieder "im Ruhestand oder kurz davor".

Von 1979 bis 1984 mietet die Göttinger Volkshochschule (VHS) das Haus, um dort Unterrichtsräume zu nutzen. Besitzer ist inzwischen nicht mehr Wilhelmine Hollenbach, sondern ihr Schwiegersohn Ulrich Jünemann. "Wir haben einen technischen Zeichner, der da auch bereits wohnte, als Hausmeister übernommen und einen Zivildienstleistenden einquartiert, der bemerkenswerte Pflanzen züchtete", erinnert sich Blümel.

"Die VHS veranstaltete dort übrigens auch ihre Feste, das VHS-Klavier hatte seinen Platz im großen Foyer der ersten Etage. Die Anmietung habe ich seinerzeit betrieben, um insbesondere die Schulkurse unterzubringen. Im Park hinter dem Haus, den es damals noch gab, saßen die Literatur- und Sprachkurse im Sommer gerne unter den großen schattigen Bäumen."

Am Ende dieser Zeit übergibt die VHS die Villa renoviert an eine Gruppe von Rechtsanwälten und Steuerberatern, die es von dem Duderstädter Besitzer gekauft hat.

1985/86 ist der Steuerberater Erwin Zacharias zusammen mit den Rechtsanwälten Holger Müller und Horst S. Werner als Nutzer der Villa belegt. Zacharias gehört 1988 zu den Gründern der Securenta AG, die ihr Domizil in der Merkelstraße aufschlägt. Die Securenta – der Name weist auf "sichere Rente" hin – ist Keimzelle der späteren "Göttinger Gruppe", die inzwischen traurige Berühmtheit erlangt hat.

Zur Göttinger Gruppe gehören etwa, so die Adressbuch-Einträge der Folgejahre, die Interpart Unternehmungsberatungsgesellschaft, die WiRe Verlagsgesellschaft für Wirtschafts- und Steuerrecht, die Gutingia AG und viele, viele andere. Allein die häufigen Namenswechsel, Neugründungen und das kurzfristige Verschwinden von Firmennamen zwischen 1988 und 2010 lassen, vorsichtig formuliert, auf einen nicht ganz kontinuierlichen Geschäftsverlauf dieser Unternehmungen schließen.

Viele Anleger haben der Göttinger Gruppe insgesamt rund 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro anvertraut. Versprochen wird ihnen, mit einer atypisch stillen Beteiligung an der Göttinger Gruppe und ihren Gesellschaften ohne Risiko eine hohe Rendite als Ergänzung zu ihrer Rente "erwirtschaften" zu können. Und natürlich würden sie zudem noch Steuern sparen.

Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat im Juni 2007 aufgrund des Eigenantrags der Gesellschaft wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Göttinger Gruppe und zweier Tochterfirmen sowie gegen die Securenta AG, die Hauptgesellschaft der Gruppe, eröffnet. Damit ist das Geld der Anlieger verloren. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wird die Immobilie zwangsversteigert. Käufer ist Hogrefe.


Von Michael Schäfer

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Villa Merkelstraße 3 - Teil 6