Die renovierte Villa: Sitz des Hogrefe Verlags

Teil 7 (erschienen im Göttinger Tageblatt am 27.01.2013)

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Siebte und letzte Folge: Die renovierte Villa als Sitz des Hogrefe Verlags

Verlagsbetrieb auf allen Etagen: die Villa Merkelstraße 3. Quelle: ©Vetter.

Göttingen. "Ich bin ja ein hoffnungsloser Nostalgiker", sagt G.-Jürgen Hogrefe. Der promovierte Psychologe ist seit 1993 Geschäftsführer der Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG. Hauptsitz der internationalen Verlagsgruppe mit 230 Mitarbeitern in zehn europäischen Ländern – in Göttingen etwa 120 Mitarbeiter – ist seit Herbst 2011 die Villa Merkelstraße 3.

Am 20. März 2009 hatte Hogrefe die Immobilie in einer Zwangsversteigerung erworben. Das alte, repräsentative Gebäude war in den Jahren davor böse heruntergekommen, doch hat Nostalgiker Hogrefe alles darangesetzt, das Haus instandzusetzen und es wieder in seinem früheren Glanz erstrahlen zu lassen. Zwei Jahre Renovierungs- und Umbauzeit waren dafür nötig.

So waren die historischen Fliesen im Treppenhaus mit Teppichboden überklebt, das Gebälk der alten Dachgauben war vom Hausschwamm befallen. Im Fußboden gab es etliche verbrannte Stellen dort, wo nach 1945 Öfen aufgestellt worden waren, um die Räume für die zahlreichen Flüchtlinge zu heizen, die dort untergebracht waren.

Hogrefe berichtet von Einbauten, mit denen die Göttinger Gruppe als Hausbesitzer den Originalzustand teilweise entstellt hatte, von "pompösen Kirschholzmöbeln", hinter denen Schimmel und Schwamm die Bausubstanz zu zerstören drohten.

Um zwei Dinge ging es Hogrefe bei der Renovierung des Hauses: zum einen um die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes, zum anderen um die technische Modernisierung, die für den Sitz eines international operierenden Fachverlages notwendig ist.

Mit originalem Fliesendekor: die Cafeteria. Quelle:©Vetter.

So ist die Cafeteria mit Zementfliesen im Stil der Bauzeit ausgestattet, defekte oder fehlende Stuckverzierungen wurden repariert und nach alten Plänen ergänzt, die Türbeschläge nach historischem Vorbild erneuert, die defekte Mauer zur Straße abgebrochen und neu errichtet.

Dabei sind auch die ursprünglichen Pergola-Bereiche vor dem Haus an der Merkelstraße wieder hergestellt worden. Im zweiten Treppenhaus, das für die Dienstboten errichtet worden war, verläuft heute der Fahrstuhlschacht.

Die frühere Wohnung Raphael Hahns im zweiten Stock dient nun für die Herstellungsabteilung, zuständig für Planung, Koordination und Kontrolle des Herstellungsprozesses, und das Lektorat; letzteres befindet sich in den ehemaligen Hahnschen Schlafzimmern.

Gründerzeitflair: Treppenhaus. Quelle:©Vetter.

Klimatechnisch ist das Haus auf dem neuesten Stand der Technik: Es verfügt über Sonnenschutz und über eine Schwerkraftkühlung, bei der mittels Kaltwasser gekühlte Luft hinter den Schrankwänden absinkt und durch Austrittsöffnungen in Fußbodenhöhe der Raumluft zugeführt wird.

Das ist eine stille Umluftkühlung, die ohne hohen Energieaufwand die Raumtemperatur um einige Grad absenken kann. Die Verlagsmitarbeiter "sind begeistert" über ihren heutigen Arbeitsplatz, freut sich Hogrefe. Die großzügige Arbeitsumgebung werde von allen sehr geschätzt, bestätigt auch Personalchefin Mariele Walter.

In die Renovierung sei "sehr viel Herzblut hineingeflossen", sagt Hogrefe. "Wir besitzen den schönsten Balkon von Göttingen", sagt er nicht ohne Stolz. Davon zeugt auch die wieder errichtete Kuppel auf dem Dach, auf der jetzt ein Hogrefe-Emblem prangt. Der ovale Konferenztisch, der schon seit 40 Jahren zur Hogrefe-Ausstattung gehört, stammt noch aus dem alten Verlagsquartier am Waitzweg.

Den alten Wiener Tisch im Chefzimmer hat Hogrefe in einem Antiquitätengeschäft in Berlin entdeckt. Zum Einzug in die Merkelstraße hat der Verleger seinem Tisch passende Sessel spendiert: Nachbauten eines Modells des Wiener Jugendstil-Künstlers Josef Hoffmann, die dieser 1907 – im Erbauungsjahr der Merkelstraßen-Villa – für das Brüsseler Palais Stoclet entworfen hatte. Und die Kosten für die Renovierung?

"Nein, Schulden habe er nicht gemacht", sagt Hogrefe. Was man heute sieht, seien "zu Stein gewordene Verlagsgewinne".


Von Michael Schäfer

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Villa Merkelstraße 3 - Teil 7

Weitere Impressionen vom heutigen Gebäude:

Der Haupteingang von der Merkelstraße. ©Marco Bühl
Der Empfangsbereich im Erdgeschoss. ©Marco Bühl
Aussicht von einem der Balkone im Dachgeschoss mit Blick auf Göttingen.
Der Eingangsbereich im Erdgeschoss. ©Marco Bühl
Der Nebeneingang. ©Marco Bühl